Fußball ist ein Ergebnissport. Wo diese Floskel fällt, steht ein Trainer kurz vor dem Rauswurf. In den heiligen Hallen von Arsenal hat man diesen Satz seit einundzwanzig Jahren nicht mehr vernommen. So lange schon ist Arsène Wenger dort Coach, präziser gesagt, Manager (die englische Kultur ist nun einmal eine merkantile). Der 67-jährige Elsässer darf als letztes Exemplar einer vergangenen Ära gelten, in der einzelne Trainercharaktere Weg und Schicksal eines Vereins über Jahrzehnte bestimmten. Wie Alex Ferguson einst in Manchester, Guy Roux in Auxerre, Otto Rehhagel und Thomas Schaaf in Bremen, Volker Finke in Freiburg. Wenger hat sie alle überlebt. Es sollte ihn, Stand 2017, eigentlich nicht mehr geben. Aber er ist immer noch da. Wie kann das sein?

Die Leistungsbilanz seiner Regentschaft zeichnet sich tatsächlich durch eine geradezu unwirkliche Konstanz aus. In den zwanzig Saisons, die Wenger in Arsenal tätig war, qualifizierte sich sein Team achtzehn Mal in Serie für die Champions League – seit 1998 ununterbrochen. Nie verlor Arsenal in diesen zwei Dekaden mehr als drei Ligaspiele hintereinander. Nie stand sein Team auf einem Abstiegsplatz, ja, befand sich auch nur in Abstiegsnähe. Permanentes Verweilen im absoluten Spitzenbereich also – und das mit Garantie!

Anderseits gewann Arsenal besagte Champions League unter Wenger kein einziges Mal. In den vergangenen sechs Jahren schied sein Team weitgehend widerstandsfrei im Achtelfinale aus. Die letzte Meisterschaft der Gunners liegt bitterere dreizehn Jahre zurück. Selbst in der vergangenen Saison, als sich Arsenals drei wesentliche Konkurrenten, Manchester United, Chelsea und Manchester City in schweren Krisen befanden, reichte es nicht zum Titel. Vielmehr musste "the professor", wie Leptosom Wenger ob seines akademischen Habitus von der englischen Presse genannt wird, Claudio Ranieris bissiger Bauarbeitertrupppe aus Leicester den Vortritt lassen. Eigentlich unentschuldbar.

So sieht das mittlerweile (eigentlich seit mehr als zehn Jahren) auch die Mehrheit der emotional engagierten Arsenal-Anhänger. Wenger ist ihnen über die Jahrzehnte so etwas wie der persönlicher Nagelpilz ihres Fan-Daseins geworden. Das Problem ist seit Langem klar zutage getreten und ist zunehmend peinlich. Freiwillig hinsehen mag man deshalb schon lange nicht mehr. Andererseits ist der konkrete Leidensdruck auch nicht allzu hoch, zumal die Malaise mittlerweile so tief  verwachsen ist, dass man sich instinktiv scheut, den notwendigen Gewaltakt vorzunehmen und sich der Unpässlichkeit mit einem entschlossenen Ruck ein für alle Mal zu entledigen. Wer weiß schon, was darunter zum Vorschein kommt und ob es in Zukunft nicht noch schlimmer jucken könnte? 

Absurde Vorstellung, Arsenal könnte Bayern schlagen

Besonders intensive Schamgefühle erzeugen beim gemeinen Arsenal-Fan die zyklisch wiederkehrenden Achtelfinalspiele gegen den FC Bayern, wie an diesem Mittwoch in München. Da scheidet man nämlich seit eben zwei Jahrzehnten in jämmerliche Berechenbarkeit aus. So wie unter Bayern-Fans das  obligatorische Geraune, Arsenal sei dieses Jahr aber "wirklich stark" und "extrem ernst zu nehmen", zu einer Art Running Gag geworden ist, über den man ab dem dritten Bier losgackert. Die Vorstellung, Bayern könnte gegen Arsenal ausscheiden, ist in der Ära Wenger so absurd wie die, Uli Hoeneß würde freiwillig etwas von seiner Macht abgeben.

Dennoch: Auch im Jahr 2017 ist der einzige, der Arsenal von Arsène Wenger befreien kann, Arsène Wenger. Schließlich liegt ihm derzeit wieder ein unterschriftsreifer Vertrag bis 2020 vor. Der Clubbesitzer Stan Kroenke, sollte man wissen, ist ein amerikanischer Unternehmer und Multimilliardär, der neben 62,89 Prozent der Anteile noch Besitzer oder Mitbesitzer des NFL-Footballclubs Los Angeles Rams, des NHL-Eishockeyclubs Colorado Avalanche sowie des NBA-Basketballclubs Denver Nuggets ist. Wobei der Begriff  "Club" im Sinne eines Sportvereins hier eher in die Irre führt. Im Amerikanischen spricht man präziser von "Franchise" – um zu betonen, dass es rein wirtschaftliche Interessen sind, die im Vordergrund stehen. Damit ist der fußballtheoretisch springende Punkt in Sachen Arsène Wenger erreicht. In Wahrheit steht dieser Typus nicht für die Vergangenheit des Spiels, sondern für dessen marktrationale Zukunft.