Der Lautsprecher knackte fürchterlich, das Mikrofon funktionierte nicht und Zeit für alle Fragen gab es auch nicht. Die Vorstellung von Christian Prokop als neuer Handball-Nationaltrainer stand sinnbildlich für die Verhandlungen zwischen seinem Verein, dem SC DHfK Leipzig, und dem Deutschen Handballbund (DHB). Eilig hatte der DHB zur Pressekonferenz vor dem All Star Game in Leipzig geladen, um den Mann vorzustellen, der den deutschen Handball endgültig zurück an die Weltspitze führen soll.

Dass diese Aufgabe Prokop zufallen soll, war lange klar, die Verhandlungen auf Grund komplizierter Gemengelage aber schwer. Am Donnerstag gab es den Durchbruch zwischen DHB und dem SC DHfK, wo Prokop zuletzt Trainer war und bis Sommer 2021 unter Vertrag stand. Offiziell ist sein Dienstbeginn am 1. Juli. Die Qualifikationsspiele für die EM im Juni wird er coachen dürfen, falls der SC DHfK frühzeitig die Klasse sichert. 500.000 Euro überweist der klamme Verband wohl nach Leipzig, auch wenn der DHB-Präsident Andreas Michelmann diese Summe nicht bestätigen wollte.

Für Handballverhältnisse ist das eine Menge Geld. Ist Prokop diese Summe Wert? Der neue Bundestrainer ähnelt seinem Vorgänger, dem erfolgreichen Isländer Dagur Sigurðsson, der vor einem Jahr überraschend Europameister geworden war. Der 38-jährige Prokop ist ein handballversessener Analytiker, der extrem viel Wert auf Taktik und eine präzise Spielvorbereitung legt. Er gehört zur "Generation Julian Nagelsmann". Als Spieler früh gescheitert, wollte Prokop unbedingt Trainer werden, um dem Sport treu zu bleiben. Beim SC DHfK gelang ihm mit wenigen Mitteln viel, die Mannschaft steht erstmals im Final Four des DHB-Pokals.

Auf der Pressekonferenz wurde Prokop mit Lob überschüttet. Er sei der "Wunschkandidat", sagte Michelmann. Von einem "jungen und modernen Trainer, der den Willen zur Entwicklung lebt", sprach der Vizepräsident Bob Hanning. Er war von Anfang an der Auserkorene für die Nachfolge Sigurðssons. Markus Baur, der Weltmeisterspieler von 2007, war auch im Gespräch, aber nur die 1b-Lösung.

Prokop selbst will die Arbeit seines isländischen Vorgängers fortsetzen. Gold bei der WM 2019 und bei den olympischen Zielen 2020 sollen es werden. Der überwiegende Teil der Nationalmannschaft ist sehr jung, wird noch auf Jahre Handball auf Weltniveau spielen können. Prokop soll diese Mannschaft weiterentwickeln. Dafür wurde er mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet. "Ohne Aufstiegsklausel", wie Hanning betont. Genau von der hatte Sigurðsson Gebrauch gemacht.

"Ambitionierte Ziele, aber ich traue mir das zu", sagte Prokop. Zweifel, dass er noch zu jung und unerfahren für den Posten sein könnte, wischte er beiseite: "Ich bin immerhin schon im zwölften Jahr Trainer."

Früh in seiner Spielerlaufbahn hatte sich Prokop eine Knieverletzung zugezogen. Um das lädierte Knie zu schonen, stellte der Rechtshänder auf eine linkshändige Spielweise um. Als Trainer verschaffte er sich unter anderem in der zweiten Mannschaft vom SC Magdeburg einen Namen, ehe er 2013 nach Leipzig wechselte. Dort baute er eine Mannschaft auf, führte den Verein erstmals in die Bundesliga und hielt die Klasse.

Nicht die kreativste Offensive

Prokop gelingt es, Spieler besser zu machen und ein funktionierendes Kollektiv aufzubauen. "Ich habe immer gedacht, dass ich mal ein halber Drittligaspieler werde und jetzt stehe ich im Final Four", sagte Prokops Kapitän Lukas Binder, als er nach seinem Trainer gefragt wurde. Taktisch setzt Prokop vor allem auf ein stabiles, laufintensives Defensivkonzept. Dafür ist das Offensivspiel seiner Mannschaft nicht das kreativste.