Das Bild ging um die Welt: Ein Skispringer im knallroten Anzug spreizt seine Arme wie ein Adler, im Hintergrund der hellblaue Himmel. Er trägt nur einen Ski, der andere schwebt zwischen seinen Beinen, es sieht aus wie ein Zirkusstück.

Doch es war sehr ernst, was Claus Tuchscherer bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 1978 im finnischen Lahti passierte, wo an diesem Sonntag die WM 2017 zu Ende geht. Beim Absprung hatte sich eine Bindung gelöst. Knapp 60 Meter weit kam der Medaillenanwärter, nach der Landung folgte zwangsläufig ein Sturz, ein Platz auf dem Treppchen war dahin. Er kam mit einer Wirbelsäulenverkrümmung und einigen blauen Flecken davon.

Noch ernster wird die Sache, wenn man die politischen Hintergründe bedenkt: Tuchscherer stammte aus der DDR, er war einer der besten Kombinierer der Welt. Bei den Olympischen Spielen in Innsbruck 1976 setzte sich der damals 21-jährige nach Österreich ab. Fortan galt er im Osten als "Sportverräter". Dass er in Lahti einen Ski verlor, hält Tuchscherer nicht für Zufall oder einen Unfall. Bis heute hält er es für möglich, dass damals jemand aus seiner alten Heimat die Bindung an seinem rechten Ski manipulierte.

Es war die Zeit des Kalten Krieges. Was sich vor vier Jahrzehnten zwischen Ost und West im Sport abspielte, ist für junge Menschen, die die DDR nie erlebt haben, kaum verständlich. Die Flucht eines Spitzensportlers war für die DDR-Oberen immer eine große Niederlage.

Bei Tuchscherer lief sie so: Monate vor den Spielen verliebte er sich in einem Trainingslager auf dem Dachsteingletscher in die Österreicherin Anna. Mit dem Taxi, das sie organisierte, ging es im Februar 1976 heimlich vom DDR-Olympia-Quartier in Mösern nach Bischofshofen und von dort im Zug in die Steiermark, Annas Heimat.

Danach wurde Tuchscherer, einstiger Athlet vom Sportclub Dynamo Klingenthal in Sachsen, massiv von der Stasi überwacht. Das geht aus vielen Akten hervor. Auch durch den Olympiasieger Ulrich Wehling, der seit Dezember 2016 wieder für den Thüringer Skiverband in leitender Position tätig ist. Tuchscherer selbst hatte Wehlings denunzierende Aussagen in seiner Stasi-Akte gefunden.

Auch andere frühere Sportkameraden waren involviert. Stasi-Offiziere vermerkten, dass "durch Hinweise von Inoffiziellen Mitarbeitern gezielte Informationen über das Verhalten und Auftreten Tuchscherers bei Auslandseinsätzen erarbeitet werden konnten". Dass zu den Informanten auch der 1978er-Weltmeister Matthias Buse (Stasi-Deckname IM "Georg") gehörte, erfuhr Tuchscherer nach Öffnung der Aktenarchive des DDR-Geheimdienstes.

"Es ist der absolute Wahnsinn, wie das damals abgelaufen ist", sagt Tuchscherer heute, wenn er sich an seine erste Vierschanzentournee 1976/77 erinnert. Die DDR-Funktionäre versuchten mit aller Macht, seinen Start beim Weltskiverband (FIS) zu verhindern. Das misslang, Tuchscherer setzte ein Zeichen: "Ich wollte in Freiheit meinen Sport machen und zeigen, dass man auch ohne den politisch brutal instrumentalisierten DDR-Leistungssport samt Zwangsdoping gut springen kann." Zuwider war ihm schon die in der Kinder- und Jugend-Sportschule in Klingenthal zum Pflichttermin ausgerufene, allwöchentliche DDR-Propaganda- und Hetz-Sendung "Der Schwarze Kanal" mit dem Moderator Karl-Eduard von Schnitzler, der vom Volksmund als "Sudel-Ede" bezeichnet wurde.

"Für die Bonzen war ich ein Stück Material"

Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald wollte Tuchscherer unter Zusicherung von Straffreiheit zur Rückkehr bewegen. Die SED-Apparatschiks bedrängten Tuchscherers Vater. "Mein Vater ist mehrfach nervlich zusammengebrochen", sagt Tuchscherer. Das veranlasste ihn Wochen später zu einer riskanten Reise. Mit seiner Freundin kam er unter "vorheriger Zusage für freies Geleit" in die DDR zurück. "Im schlimmsten Fall wäre ich im Stasi-Knast gelandet. Aber ich wollte meinen Eltern die Gründe für die Flucht darlegen und ihnen ihre Schwiegertochter vorstellen."