ZEIT ONLINE: Herr Schnülle, üblicherweise führen Hundebesitzer ihr Tier im Park spazieren. Sie fahren mit ihren Huskys 1.000 Meilen bei einem Hundeschlittenrennen durch das kalte Alaska. Haben Sie dadurch auch ein besonderes Verhältnis zu ihren Tieren?

Sebastian Schnülle: Unsere Beziehung ist sehr, sehr tiefgehend. Wir verbringen gute und harte Zeiten miteinander. Es schweißt zusammen, wenn man mit seinem Team durch richtig fiese Stürme fährt. Für mich sind meine Hunde vor allem meine Partner. Ich weiß, dass ich ohne die Hunde nichts hinbekommen kann. Die Huskys sind einfach außergewöhnlich. Wenn sie sich weigern, über einen zugefrorenen Fluss zu laufen, sollte man das tunlichst auch lassen. Die Hunde wissen meist sehr gut, wo das Eis zu dünn ist.

ZEIT ONLINE: In Alaska, wo das Iditarod stattfindet, fallen die Temperaturen auf bis zu minus 50 Grad. Weshalb finden sich für das Rennen jedes Jahr genügend Verrückte?

Sebastian Schnülle: Es ist das faszinierende Zusammenspiel von Mensch und Tier unter extremen Bedingungen. Wir Musher, so nennt man uns Hundeschlittenführer, und die Hunde müssen uns aufeinander verlassen können. Und das über einen langen Zeitraum.

© Sebastian Schnülle

ZEIT ONLINE: Am Samstag geht's wieder los. Eigentlich wollten Sie erneut an den Start gehen. Warum doch nicht?

Schnülle: Im Dezember ist mir beim Training ein Auto in mein Gespann gefahren. Dabei sind zwei meiner Hunde tödlich verletzt worden, einige andere wurden so schwer getroffen, dass sie ein solches Rennen wie das Iditarod nicht mehr durchstehen könnten. Ich hatte nicht mehr genügend gesunde Hunde, um am Rennen teilzunehmen.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie nicht andere Hunde ins Gespann integrieren können?

Schnülle: Das wäre schon gegangen. Und einige befreundete Musher haben mir auch Hunde angeboten. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen. Ich habe meine Hunde selbst aufgezogen, sie auf das Rennen vorbereitet. Mit ihnen wollte ich das Iditarod noch einmal erleben.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie etwas zum Abschluss bringen?

Schnülle: Ja, das war der Plan. 2011 hatte ich mich eigentlich aus der aktiven Rennszene verabschiedet. Ich hatte gerade einige sehr erfolgreiche Jahre hinter mir, habe das 1.000 Meilen Yukon Quest Rennen in 2009 gewonnen und war Zweiter beim Iditarod. Bevor ich ganz aufhöre, wollte ich aber noch einmal beim Iditarod starten. Es wäre mir ein Spaß gewesen.

ZEIT ONLINE: Spaß? Witzig, dass Sie das bei den Rennbedingungen sagen. 

Schnülle: Klar, das Iditarod kann auch zur Hölle werden. Kein normaler Mensch geht bei minus 40 oder 50 Grad vor die Tür. Dazu kommt der Wind, der mit mehr als 50 Meilen weht. Wir sind bei solchen Bedingungen mit unseren Hunden den ganzen Tag draußen. Das muss man wollen. Außerdem schläft man an den Renntagen nicht wirklich viel, etwa ein bis zwei Stunden pro Tag. Wenn man Pause macht, muss man ja erst die Hunde versorgen: füttern, massieren, Schlafplatz herrichten. Und das für zwölf bis sechzehn Hunde.

ZEIT ONLINE: Wie kommen eigentlich die Hunde mit der Kälte klar?

Schnülle: Die fühlen sich in der Kälte wohl. Für die Alaskan Huskys liegt die ideale Temperatur bei etwa minus 20 bis 25 Grad. Wenn es kälter wird, laufen die Hunde unter einem Hundemantel, der über ihrem Rücken liegt und sie trocken hält. Während der Rast schlafen sie auf Stroh, das wir auf dem Schlitten mitnehmen.

Ein Iditarod-Team erreicht Koyuk, eines der Zwischenziele. © Sebastian Schnülle

ZEIT ONLINE: Macht es den Hunden nichts aus, ständig auf kaltem und harten Boden zu laufen?

Schnülle: Die Hunde bekommen sogenannte Bootys an, Hundeschuhe. Bei sechzehn Hunden im Gespann muss man vierundsechzig Hundebootys vor jedem Lauf anziehen und das zwanzig Mal im Rennen und im Training. In einer normalen Trainingssaison brauche ich 3.000 Hundeschuhe, 1.000 während des Rennes. Die Bootys sind wichtig, sie schützen die Pfoten. Ist der Schnee besonders kalt, wird er sehr grobkörnig. Das wäre für die Pfoten unangenehm.

ZEIT ONLINE: Tierschutzorganisationen halten die Hundeschlittenrennen für Tierquälerei.

Schnülle: Wer so etwas sagt, hat vermutlich noch nie ein Hundeschlittenrennen gesehen. Unsere Hunde sind trainierte Hochleistungssportler. Die haben Lust zu laufen. Die sind wirklich außer sich. Sie müssten mal das freudige Bellen vor dem Start hören. Als Musher muss man bremsen, damit die Hunde nicht lospreschen. Aber ganz klar: Auch die Hunde stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Da muss ich als Musher aufpassen, dass es nicht über die Grenze hinausgeht.