Zu all den Dingen und Personen, die Luis Enrique zuletzt verärgert haben, zählt nun auch Gemüse. "Es interessiert mich einen Rettich, ob wir in die Geschichte eingehen. Ich will gewinnen", schnaubte der Trainer des FC Barcelona vor dem Rückspiel gegen Paris St. Germain. Läuft alles normal, wird dieses Achtelfinale der Champions League das letzte Europapokalspiel des 46-Jährigen an der Seitenlinie Barcelonas sein.

Nach dem desaströsen 0:4 vor drei Wochen in Paris ist die Chance auf ein Weiterkommen gering. Noch nie in der Geschichte des Wettbewerbs ist es einer Mannschaft gelungen, einen derart großen Rückstand wettzumachen. Deswegen ist Enrique genervt, nicht wegen eines Rettichs. Das ist nur eine spanische Redensart. Enrique gilt sogar als Gemüseverehrer.

Die Zahl derer, die Enrique verehren, hat deutlich abgenommen. Ein Schicksal, das jeden ereilt, der er als Trainer von Barcelona nicht dauernd gewinnt. Plötzlich wird ihm seine distanzierte Art als mangelnde Leidenschaft ausgelegt, seine Knurrigkeit als Maulfaulheit und die wechselnden Aufstellungen als unentschlossenes Lavieren.

Mehr noch erzürnte die Gemüter, wie Enrique, der passionierte Ausdauersportler, Fußball spielen lässt. Zu viele lange Bälle, zu wenige kurze Pässe. Die Spieler würden sich mehr bewegen müssen als der Ball. Das ist nicht mehr Barça, stellten die großen Sportzeitungen Mundo Deportivo und Sport ernüchtert fest. Der angesehene Journalist Ramon Besa fand gar, Enrique habe Barcelonas Seele verpfändet. Genauer gesagt an den Dreizack.

"El Tridente", die drei Stürmer Lionel Messi, Luiz Suarez und Neymar. Um sie besser ins Spiel einzubinden, hatte der Trainer einst ein schnelleres Überbrücken des Mittelfeldes angeordnet. Vor zwei Jahren, nach dem Gewinn der Champions League in seiner Debütsaison, war er dafür gefeiert worden. In Paris aber war das Pressing des Gegners so erdrückend, dass die Verteidiger in ihrer Not nur noch bolzten. Ein Hochverrat an der fußballerischen DNA des Clubs, der sich wie kein zweiter dieser Welt über das schöne Spiel definiert. Barcelona wirkte hilflos gegen einen jungen Gegner, bei dem Julian Draxler so gut spielte wie seit seinen Anfangstagen bei Schalke 04 nicht mehr.

Sergio Busquets, ein Führungsspieler, kritisierte den Trainer. Paris habe den besseren Plan gehabt. "Taktisch waren sie uns deutlich überlegen." Ein Satz wie eine Faust. Enrique sah dem Treiben hilflos zu und als er sich erklären sollte, geriet er in Streit mit einem spanischen Fernsehreporter. 

Zweckgemeinschaft mit seinen Spielern

Zu dieser Zeit wusste Enrique schon, dass er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängert. Bereits im Sommer hatte er mit seinen Assistenten erstmals darüber gesprochen. Vorige Woche, nach einem 6:1 gegen Sporting Gijon, folgte die Verkündung. Auf einmal drehte sich die Stimmung. Nun war der Trainer ein weitsichtiger Mann mit dem Gespür für den Moment. Einer, der weiß, wann es vorbei ist. Ein "ganz Großer" sei er, schrieb die für ihren gemäßigten Ton bekannte Zeitung El Pais. Richtig bleibt aber, dass nicht nur Enrique, sondern auch der Club keinen Wert auf eine weitere Zusammenarbeit legt.

Luis Enrique wird als eine der am stärksten polarisierenden Persönlichkeiten in die Geschichte des FC Barcelona eingehen. Als Spieler traute er sich 1996, was sich nur wenige in Spanien trauen. Er ging von Real Madrid, dem verhassten Erzrivalen, nach Katalonien, stieg zum Kapitän auf, galt als unbequemer Charakter, der seinen Überzeugungen gegen Widerstände folgte. Zur Zeit der "Hollandisierung", als Trainer Louis van Gaal fast nur Landsleute nach Katalonien holte, knöpfte er sich in der Kabine den von van Gaal protegierten Frank de Boer vor, was ihm großen Respekt beim Rest der Mannschaft einbrachte.

Später, als Trainer der Reserve, setzte Enrique nur Spieler ein, die bei ihm trainiert hatten. Diejenigen von den Profis ignorierte er. Pep Guardiola, zu dieser Zeit Trainer der Ersten Mannschaft, grollte, verkniff sich aber böse Worte, wissend um den impulsiven Charakter seines Freundes. Anders als Guardiola, der stets um Eintracht mit seinen Wunschspielern bemüht war, allen voran Lionel Messi, scheute Enrique keine Konfrontation. Bis heute gelten er und die Spieler als Zweckgemeinschaft. Liebe war es nie.