Unzählbar sind die Tore Lukas Podolskis. Unzählbar waren allein die an seinem letzten Abend. Schon während des Spiels lief sein Schuss zum 1:0 in Endlosschleife. Die Zuschauer schauten gar nicht mehr aufs Spielfeld, sondern auf die Videoleinwand. Sie staunten und raunten und sangen Festlieder auf Poldi.

Sie sangen auch Schwärmereien über Köln. Das Spiel fand zwar in Dortmund statt, aber das Stadion war in der Hand von Kölnern, der Heimatstadt Podolskis. Überall gezwirbelte rheinische Schnurrbärte, auf den Köpfen der Fans saßen gebastelte Hüte mit handschriftlichen Huldigungen an Poldi und seine Heimat. Manche trugen Narrenkappen. Am Hauptbahnhof, vor dem Spiel, hatte ein froh gelaunter Mann mit Goldkettchen den Einheimischen entgegengerufen: "Heute sind hier zwölftausend Kölner."

Das Testmatch gegen England, das die deutsche Elf 1:0 gewann, wurde zum Abschiedsspiel von Podolski zweckentfremdet und somit zu einer Art Nachspiel des Kölner Karnevals. Und Podolski, der im Sommer nach Japan geht, schenkte seinem Narrenvolk zum Abschied seiner großen Karriere ein schönes Tor, vielleicht sogar sein schönstes.

Das letzte Podolski-Tor für Deutschland war einerseits ein typisches, andererseits ein außergewöhnliches. Sein Fernschuss aus 25 Metern drehte sich auf der Flugbahn spektakulär in Richtung Pfosten, immer weiter weg vom Keeper, der sich streckte und streckte. Doch musste er den Schuss passieren lassen, weil der genau im Torwinkel einschlug. Der Ball war so schnell unterwegs, dass er aus dem Netz wieder ins Feld prallte und fast bis zum Elfmeterpunkt rollte. Als wollte er zurück zu seinem Schützen, zu dem, der ihn so hart getreten hatte. Tor des Monats, mindestens.

Podolski schien es selbst kaum glauben zu können. Beim Jubeln fasste er sich an die Stirn, erst dann breitete er die Arme aus. Auf der Pressetribüne waren laute "Ja!"-Schreie zu hören. Selbst manche der englischen Fans applaudierten. Und auf der Dortmunder Südtribüne erschallte: "Erster Fußballclub Köln!" Man musste schon abgezockt sein, um von diesem Happy End unberührt zu bleiben.

Er war feinfühliger, als es vielleicht schien

Es war sein 49. Tor im 130. Länderspiel. 13 Jahre war Podolski dabei. Sein erster Bundestrainer hieß Rudi Völler. Im Juni 2004 gab Podolski sein Debüt. 0:2 gegen die allenfalls zweitklassigen Ungarn, die damals von Lothar Matthäus trainiert wurden. Podolski, damals gerade 19 geworden und mit blonden Strähnchen verpudelt, wurde für Fredi Bobic eingewechselt. Kurz darauf, bei der EM 2004 in Portugal, erlebte der deutsche Fußball einen Tiefpunkt.

Nur zwei Jahre später aber wurde Podolski zu einem der Helden der WM 2006. Er ging nach München, London, Mailand, wurde Weltmeister 2014. In den vergangenen fünf Jahren trat er zwar nicht mehr als Hauptfigur in Erscheinung, der Fußball war für einen Route-One-Fußballer wie ihn ein bisschen zu feinsinnig geworden. Ohnehin schoss er die meisten seiner Tore gegen Mannschaften wie Australien, Schweden und San Marino, weniger gegen Argentinien, Italien und Spanien. Und vielleicht wäre der WM-Sieg vor zwei Jahren der bessere Zeitpunkt für Podolski gewesen, abzutreten. Für seinen Zwilling Bastian Schweinsteiger wohl auch, der in diesen Tagen seinen Wechsel in die USA bekannt gegeben hat.

Aber dachte man an Podolski, dann nie nur an seinen sportlichen Wert. Er war beliebt bei allen: Mitspielern, Fans, Gegnern, Journalisten. Auch war er feinfühliger und hintersinniger, als es auf den ersten Blick schien. Er war einer der ersten Fußballer, der Thomas Hitzlspergers Mut lobte, als der sich outete. Und einer der einzigen. Von einer kleinen Ohrfeige abgesehen blieb er skandalfrei. Er musste nicht in die Hotellobby pinkeln oder die Jugendspieler in den Puff einladen, um als Typ zu gelten.