Daher zweifelte wohl niemand daran, dass Podolski die große Bühne verdiente. Reinhard Grindel, der Präsident des DFB, hielt vor dem Anpfiff eine Laudatio auf ihn, der Generalsekretär Friedrich Curtius überreichte Blumen. Nicht gerade zwei alte Kumpel Podolskis, da hätte der DFB jemand anderen finden können, einen Wegbegleiter vielleicht, hätte ja nicht gleich Michael Ballack sein müssen.

Bei der Hymne zoomte die Kamera auf Podolskis Augen. So nahe sollte man ihm sein. Vielleicht wollte die Regie ihm aber auch eine letzte Debatte darüber ersparen, warum er die Hymne nicht mitsingt. Das tut er zur Empörung vieler Haydn-Freunde üblicherweise nicht, auch wenn er diesmal immerhin die Lippen bewegte.

Nach dem Abpfiff warfen seine Mitspieler ihn in die Luft. Natürlich kamen dann seine vielen Fans zum Zuge. Podolski ging eine Ehrenrunde, klatschte so viele Leute ab, als wollte er es wahr machen und allen einzeln Tschö sagen. Er ließ sich die Fahne mit dem Kölner Wappen in die Hand drücken, drei goldene Kronen und elf schwarze Flammen, und schwenkte sie, alleine auf dem Rasen stehend. Schals flogen aufs Spielfeld, Konfetti.

Während Podolski immer wieder auf den Zaun stieg, erklang im Stadion: "Ich ben nur ne Kölsche Jung un mie Hätz, dat litt mer op d'r Zung." Das ist von Brings, einer Kölner Mundartband, für die der Sohn von Norbert Blüm am Schlagzeug sitzt. Offenbar hat sich Podolski diesen Titel zu seinem Großen Zapfenstreich gewünscht. Man vergisst das ja leicht: Bands wie Brings, die Höhner, die Bläck Fööss oder die Pimmelköpp hält man in Restdeutschland für Karteileichen einer längst vergangenen Schlagerepoche. In Köln füllen solche Kapellen aber noch immer Hallen.

Erinnerungen an die Völler-Ära

An diesem Abend war Dortmund Köln. Die Südtribüne war rut-wiess. Es fehlten nur noch Kamelle und ein Tusch. Dafür gab es jede Menge Bützje und auch lange nach dem Abpfiff lief Podolskis Tor noch auf der Leinwand. Der Stadion-VJ hatte auch keine große Auswahl, das Tor war das einzige deutsche Highlight gewesen. In der Abwehr hatte sie Zweikampf- und Tempoprobleme, das Mittelfeld litt unter Fehlpässen, der Sturm unter Windstille. Auch Podolski hatte vor seinem letzten Knall gespielt, als hätte er sich alle Kraft für ihn aufgehoben.

Nur Marc-André ter Stegen und die Schussschwäche der Engländer verhinderten eine deutsche Niederlage. Es spielten einige mit, die sicher ein paar Länderspiele weniger absolvieren werden als Podolski. Man kann sich jedenfalls kaum erinnern, wann eine deutsche Elf einem Gegner zuletzt individuell und technisch derart unterlegen war. Das muss unter Rudi Völler gewesen sein, was wiederum eine schöne Klammer für Podolskis Karriere wäre.

Nun geht der letzte Sommermärchenfußballer. Podolski, im polnischen Oberschlesien geboren, hat den deutschen Fußball im vergangenen Jahrzehnt begleitet, geprägt. Er war stets Teil einer Mannschaft, der Freunde des deutschen Fußballs die erfolgreichste Epoche seit den Siebzigern zu verdanken haben. "Danke für 13 geile Jahre mit dem Adler auf der Brust", sagte Podolski bei seiner Rede vor dem Spiel. "Danke an alle. Danke an meine Familie, meine Eltern, die auf viel verzichtet haben. Danke, Dortmund, danke, Köln, und danke, Deutschland!"