Zwei Extra-Large-Peperoni-Pizzas für nur 9.99 Dollar! Ein verrücktes Angebot. In den zahllosen Collegestädten der USA hingegen ist es jeden März wieder der Normalfall. Dann bricht hier, ganz offiziell und von allen Seiten gefördert, für drei magische Wochen gesellschaftsdeckend der Wahnsinn aus. Und zwar in Form der aus 64 Mannschaften bestehenden K.-o.-Endrunde der amerikanischen Collegemeisterschaft im Basketball. Kurz und adäquat March Madness genannt.

Der unwiderstehliche Reiz dieser ohne Zweifel attraktivsten Sportveranstaltung der Welt beweist sich bereits in der spezifischen Existenzlage seiner Protagonisten. Allesamt blutjunge Amateure, sind sie nicht nur Ausnahmetalente, die sich seit dem spätestens achten Lebensjahr in zahllosen Sonderschichten auf das jeweils nächste Level gehievt haben, sondern als eingeschriebene Studenten an einer Universität auch wahre Akademiker und Geistesmenschen in spe. Ja, im amerikanischen Collegesport strahlt es in noch vollem Glanz, das Renaissance-Ideal des uomo universale, also des alles könnenden und alles vermögenden Individuums, dessen durchtrainierter Körper seinem hochmögend gebildeten Geist in nichts nachstehen muss.

Zugegeben, schaut man beim Freiwurf ein bisschen tiefer in die Augen dieser schon physisch ehrfurchtserheischenden Übermenschen, wollte man nicht beschwören, dass wirklich jeder einzelne davon in der Lage ist, den Namen des eigenen Trainers fehlerfrei zu buchstabieren. Aber zumindest der Papierform nach werden an diese Collegeathleten höchste akademische Ansprüche gestellt. So wird ein Team, dessen Gesamtnotendurchschnitt unter ein erträgliches Maß sinkt, beispielsweise mit Rekrutierungssperren belegt. Bleibt ein Spieler seinen Kursen dauerhaft fern oder versäumt relevante Deadlines, darf er nicht aufs Feld.

Natürlich gibt es gerade für diese besonderen Challenges eigene, universitätsinterne Lösungsverfahren. So wird der erforderte Notenschnitt meist von zwei eigens angeworbenen "Spielern" des Teams gesichert, die zwar als sogenannte Swimmies nie ernsthaft zum Einsatz kommen werden, dafür aber akademisch besonders fix sind (man erkennt sie als Fernsehkonsument daran, dass sie in den Endphasen bei gelungenen Aktionen besonders exaltiert jubeln, ihren Trainingsanzug indes noch immer an haben). Das etwaige Nachlernen und Verfassen von Seminararbeiten aber wird durch eigens im Tross mitfahrende Einzeltutoren unterstützt, die den Collegecracks auf den langen Bus- und Flugreisen durch die Weiten des Landes, sagen wir mal, mit ihrem Wissen aktiv zur Seite stehen.

Seien wir nicht zu gehässig, bleibt doch das Ideal, das hinter der Idee des Collegeathleten steht, ein zu bewahrendes, zu feierndes. Wie die sportlichen Leistungen, die von diesem kaum achtzehnjährigen Menschen vollbracht werden, mitreißend und beeindruckend sind. Die Talentdichte, die sich im Verlauf der March Madness offenbart – und wir reden hier ja nur von den 64 besten aller amerikanischen Universitätsteams, deren Zahl in die mehreren Hundert geht –, sprengt alles Vorstellbare. Genauso wie die biografische Härte, die mit diesem Bildungsweg einhergehen muss. Von dem handverlesenen einen Prozent der Besten jedes Jahrgangs, aus dem sich die Teams der Endrunde zusammensetzen, schafft wiederum kaum ein Prozent den Sprung zum Profi-Basketballer – selbst nicht in Europa.

Für alle anderen beginnt mit dem Ausscheiden aus dem Turnier der harte Weg in ein sogenanntes normales Leben, auf das natürlich die wenigsten dieser Cracks Lust verspüren oder vorbereitet sind. Denn nach vier langen Collegejahren fallen diese lokal, im Spitzenbereich durchaus auch national bewunderten Superstars aus einer rauschhaften Situation des vollkommenen Überflusses an Aufmerksamkeit, Fürsorge, sozialer Bestätigung und, ja, auch sexuellen Angeboten, erstmals in das Nichts des Alltäglichen. Da sitzen sie dann, mit dem Handtuch über dem Kopf und weinen, wie ihre selbstverständlich angereisten Mütter und Väter, bitterlich in Großaufnahme. Oder aber feiern ausgelassen, indem sie sich gegenseitig mit Mineralwasser bespritzen. Wem es hier nicht das Herz bricht, der ist kein Mensch.

Wie jedes karnevalseske Ereignis folgt dabei die March Madness in aller Konsequenz einer Logik des grotesken Überschusses und der intensivierten Gleichzeitigkeit. Gerade in den ersten beiden der drei Turnierwochen finden in der Regel mehrere Entscheidungsspiele fast zeitgleich statt, sodass selbst die behändeste Handhabung der Fernbedienung daran scheitern muss, der Dramatik des Geschehens gewachsen zu bleiben. Hier hilft, aus Sicht des Fans, nur noch eines: die befreiende Livekapitulation vor dem erlebten Übermaß. Oder aber der Splitscreen-Modus und damit der endgültige Wahrnehmungsuntergang im Rausch des Erlebten. Es festigt sich die Erkenntnis: Dieses Turnier ist schlicht zu groß für einen einzelnen. Niemand wird ihm deutend Herr. Niemand kann es wirklich durchschauen.

Nicht zuletzt erklärt sich die spezifische Faszination dieses Wettkampfformats daraus, dass es einen perfekten Hybrid der beiden heute global dominant gewordenen Fernsehformate darstellt: Das amerikanische Collegebasketball ist Castingshow und aufwendig produzierte Spitzenserie in einem. Nicht nur werden Amerikas künftige Superstars hier vor aller Augen eindringlich auf ihre Stärken und ihr Vermarktungspotenzial geprüft. Entscheidend hinzu tritt die Tatsache, dass die Trainer gerade der bedeutendsten und erfolgreichsten Basketballuniversitäten ihren Teams in der Regel mehr als zehn Jahre, bisweilen auch sehr viel länger, ohne Unterbrechung vorstehen. 

Es liegt also eine einmalige Kontinuität der Hauptdarsteller vor, an der lang Rivalitäten und Lokalduelle organisch wachsen und sich romanhaft verdichten. In unüberbietbarer Weise trifft dies auf die tiefste und traditionsreichste aller Rivalitäten zu, die zwischen der Duke University und der University of North Carolina. Seit 1981 wird Duke von Coach Mike Krzyzweski (kurz: "Coach K") trainiert. North Carolina von Coach Roy Williams immerhin seit 2003. (Williams fing bereits 1978 in North Carolina an, verließ die Uni aber für einige Jahre.) Schönheitschirurgisch bestens beraten stehen diese beiden Lichtgestalten damit seit Jahr und Tag für ein zeitlos leistungsfähiges Amerika, das nie altern und schon gar nicht sterben kann.