Ein Sport wird zum Produkt – Seite 1

Eine für den deutschen Volleyball typische Szene trug sich Ende Januar zu. Am 29. Januar übertrug der Sportsender Sport1 das Pokalfinale. Die beiden Übermannschaften der vergangenen zwanzig Jahre trafen aufeinander, die Berlin Recycling Volleys und der VfB Friedrichshafen. Schon der erste Satz ging bis 33. Regulär endet ein Satz bei 25 Punkten, außer es steht 24:24. Dann wird solange gespielt, bis ein Team zwei Punkte voraus ist.

Das Spiel war eng, es war umkämpft, ein Krimi um den zweitwichtigsten deutschen Pokal. Es steuerte auf die heiße Phase zu, als Sport1 die Übertragung plötzlich abbrach. Wo eben noch 10.000 Zuschauer einen Höllenlärm in der SAP-Arena in Mannheim machten, lief nun: Karlsruhe gegen Bielefeld, 2. Fußball-Bundesliga, 18. Spieltag, die Nachberichterstattung.

Seit langer Zeit hatte es wieder mal ein Volleyballspiel ins TV geschafft, um im entscheidenden Moment doch wieder vom Fußball verdrängt zu werden. In Karlsruhe ging es um nichts, in der Halle von Mannheim um Titel. So ist es um die TV-Präsenz von Sportarten bestellt, die nicht Fußball heißen. Fußball wird bis in die Regionalliga übertragen, deutscher Spitzenvolleyball wie die am Wochenende beginnenden Play-offs um die Meisterschaft läuft im Internetstream. Es ist nicht nur ein Problem des Fernsehens. Wo sich für Fußballclubs Kommunen verschulden, schlagen Volleyball-Erstligisten in Schulturnhallen auf, in denen die Käsebrötchen noch selbst geschmiert werden.

Volleyball will sich aufmotzen

Seit einiger Zeit lassen sich die Volleyballer einiges einfallen, um Medien und Zuschauern besser zu gefallen. Mancherorts, vor allem in der Stadt, gelingt das gut. Doch der Preis, der an anderen Orten gezahlt wird, ist hoch. 

Die Volleyball-Bundesliga (VBL) verfolgt seit 2014 einen Masterplan. In einem auf bis zu acht Jahre ausgelegten Programm soll der Sport eventisiert werden, die Turnhallen Multifunktionsarenen weichen und die Spiele regelmäßig im Fernsehen zu sehen sein. Volleyball soll in Deutschland endlich einschlagen, die deutsche Profiliga "mit den höchsten Wertvorstellungen in den Köpfen aller Deutschen verankert werden", heißt es im Konzept.

Um zu verstehen, was die VBL meint, muss man nach Berlin. Der Masterplan der Liga ist nach dem Berliner Weg geschrieben, er ist eine Anleitung zum Event. In Berlin ist Volleyball schon da, wo die VBL ihn haben möchte. Viel hängt mit Berlins Manager Kaweh Niroomand zusammen. Er war der erste, der das "Produkt Volleyball", wie er es nennt, auf die große Bühne brachte. 2011 wandelte der damalige SC Charlottenburg Berlin mit dem Sponsor Berliner Stadtwerke im Rücken seinen Namen, sein Image und seine Spielstätte. In die Max-Schmeling-Halle kommen mittlerweile im Schnitt 4.800 Zuschauer, die Berlin Recycling (BR) Volleys gewannen fünf nationale Titel und den CEV-Cup, das Pendant zur Fußball Europa League. "In Deutschland sind wir die Lokomotive der Liga", sagt Niroomand.

Der Berliner Weg ist erfolgreich

Bei einem Besuch in der Max-Schmeling-Halle wird klar, was Niroomand meint. Cheerleader tanzen, die Musik wummert lauter als in manchem Nachtclub und überall wehen orangene Schals und Fähnchen. Es gibt Gewinnspiele, Clubsongs, einen professionellen Cateringservice, natürlich Klatschpappen. Das Müllauto des Sponsors fliegt als aufgeblasenes Modell über dem Spielfeld. Volleyball in Berlin ist Show von der ersten bis zur letzten Minute. Der Plan geht hier auf. Die Volleys fahren mit der Eventschiene ein einträgliches Geschäft, trotz der Berliner Konkurrenz aus dem Fußball, Handball, Basketball und Eishockey.

"Um unser Niveau zu erreichen, mussten wir die Halle wechseln und investieren. Uns kostet jedes Spiel 10.000 bis 15.000 Euro", sagt Niroomand. Fußballclubs beschäftigen mit diesem Betrag den Parkplatzdienst am Spieltag. Doch kleinere Volleyballclubs sind schon an weniger gescheitert. Dennoch sehen sie sich gezwungen, nachzuziehen. Denn mit der Eventoffensive aus der Hauptstadt wurde Volleyball auf eine neue Stufe gehoben.   

Zuschauer des Meisterschaftsfinales Berlin gegen Friedrichshafen 2016. © DPA Picture Alliance /​ Sophia Kembowski

Kleinere Clubs gehen pleite

Nun richtet sich die Lizenzvergabe nach Berliner Maßstäben. Nun brauchen Bundesligisten Internetleitungen, Kameras, Vip-Bereiche und Soundanlagen in ihren kleinen Hallen. Außerdem verlangt der Masterplan mindestens neun Meter Deckenhöhe. Die einzige Lösung an manchen Orten: neu bauen. In Lüneburg und Herrsching bei München entstehen gerade neue Hallen. Die üblichen Hindernisse, teure Grundstücke, Verzögerungen und wankelmütige Investoren, bleiben dabei nicht aus.

Als hätten die kleinen Vereine nicht genug Probleme. An anderen Orten ist das Geschäft längst gescheitert, selbst ohne Hallenneubau. Coburg und Mitteldeutschland sind die jüngsten Beispiele, beiden Vereinen wurde die Lizenz aus finanziellen Gründen verweigert. Die Liste wirtschaftlicher Abstiege ist lang: Unterhaching, Dachau, Moers, sie alle haben schon nationale Titel gewonnen und später Konkurs angemeldet. Dabei sind die Etats im Vergleich mit dem Fußball winzig: Lüneburg gab in der aktuellen Saison für Hallenmiete, Lizenzen und Spielergehälter 520.000 Euro aus. Trotzdem finden sich Geldgeber schwer.

Nimmt mehr Kommerz dem Volleyball die Seele?

Der Zwischenstand auf dem Weg zum Masterplan ist ernüchternd. Zwar spielen Friedrichshafen, Düren oder die Rhein-Main Volleys in Frankfurt regelmäßig in Arenen vor vierstelliger Zuschauerkulisse, auch in den internationalen Wettbewerben. Doch der Ligasponsor fehlt weiterhin genauso wie Geld aus Fernseheinnahmen.

Und dann ist da noch die Sache mit den Startplätzen. Es fehlen schlicht Erstligaclubs. Nur zehn statt zwölf Ligaplätze sind besetzt, darunter der Ausbildungsverein für Jungnationalspieler, VC Olympia Berlin, der keine Titel gewinnen darf. Vielen Clubs aus den unteren Ligen fehlt die wirtschaftliche Basis. Sie weigern sich, aufzusteigen. Wie sehr das der sportlichen Attraktivität der Bundesliga schadet, sieht man in dieser Saison: Die Solingen Volleys sind Letzter der Meisterschaftsrunde, aber auch für die Play-offs um den Titel qualifiziert. 

Die kleinen Hallen haben auch Charme

An welchem Spagat sich die Vereine versuchen, sieht man in Lüneburg. "Was die BR Volleys im Großen machen, wollen wir im Kleinen schaffen", sagt der Manager Andreas Bahlburg, der auch Sprecher der VBL ist. Das Fortschrittsdiktat aus Berlin störe ihn nicht. "Der Masterplan gibt uns den nötigen Druck, den wir vor den Kommunen geltend machen können." Ihre Schulturnhalle dürfen die Lüneburger nur mit Sondergenehmigung der Liga nutzen, für die Play-offs ziehen sie nach Hamburg. Das sei ein Vorteil, weil man den Sport einem größeren Publikum präsentieren kann, sagt Bahlburg.

Anderseits herrscht dort nicht die Stimmung der Lüneburger Gellersenhalle. Gerade in diesen kleinen Hallen manifestiert sich der ursprüngliche Charakter des Sports. Wenn die 1.000 Zuschauer in Lüneburg Fahrt aufnehmen, begleiten Schlachtgesänge und Pauken jeden Ballwechsel. In den unteren Ligen feuern sich die Teams selbst an. Manchmal wird der Gegner niedergesungen. In den oberen Klassen übernehmen das die Fans, in der ersten Liga die DJs. Man sagt, im Volleyball machen Physis und Taktik nur zur Hälfte den Sieg aus. Der Rest ist Kopfsache.

"Bei unseren Spielen stehen die Fans so dicht am Feld, dass sie manchmal den Schweiß von den Jungs abkriegen. Einige Vollprofis sind das nicht mehr gewohnt", sagt Bahlburg. Mancher Topclub verlor hier schon wegen der hitzigen Atmosphäre. Viele Erstligaspieler der kleineren Mannschaften arbeiten halbtags und kennen die Fans persönlich. Die zunehmende Kommerzialisierung und Professionalisierung würde dem Volleyball einen Teil der Seele nehmen. Wäre es also besser, wenn in Lüneburg erst mal keine Eventarena käme und der Sport bliebe, wie er ist?

Öffentlich-rechtliche Monokultur

"Natürlich müssen wir darauf achten, dass die Identität von Fans und Mannschaft bewahrt wird", sagt Bahlburg. "Aber Schulturnhallen können Sie niemandem verkaufen, das geht nur über Eventisierung. Damit Volleyball in Deutschland Bestand hat, muss er markt- und konkurrenzfähig werden."

Der Volleyball bröckelt nämlich an der Basis. Vor allem bei den Männern. Mannschaften, Vereine, ganze Spielklassen verschwinden. Das belegen Zahlen des DOSB. Seit 2010 verlor der Männervolleyball etwa 9.000 Jugendliche, ein Rückgang von 23 Prozent. Individualsport, zum Beispiel in Fitnessstudios, wird wichtiger. Nur der Fußball gewann als fast einzige Mannschaftssportart seit 2010 Mitglieder hinzu.

Dabei hat Volleyball durchaus das Potenzial, die Massen zu begeistern. Als Polen 2014 die WM eröffnete, stimmten 62.000 Fans die Nationalhymne an. Ligaspiele werden im Live-TV übertragen. In Schulturnhallen spielt hier schon lange keiner mehr.

Vielleicht könnte es auch in Deutschland einen Boom geben, wenn mehr über Volleyball gesprochen würde. Wenn er im Fernsehen zu sehen wäre, könnte er ähnlich dem Fußball die Jugend für sich begeistern. Wird jedes Volleyballspiel zum Event, kommen mehr Zuschauer, was wiederum Fernsehsender anlockt. So das Kalkül der VBL. Doch es gebe eine öffentlich-rechtliche Monokultur, sagt Niroomand. "Den Fußball trifft keine Schuld, der macht seinen Job gut und extrem professionell. Aber es muss diskutiert werden, ob sich ein öffentlich finanziertes Programm den Richtlinien des Kommerzes hingeben muss." ARD und ZDF hätten nun mal den Auftrag zu kultureller Vielfalt, dem kämen sie im Sport nicht nach.

"Wenn wir auch nur ein Prozent dessen bekämen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen für Fußball ausgibt, würden wir einen Luftsprung machen. Uns würde das reichen und der Fußball würde das überhaupt nicht merken", sagt Ligasprecher Bahlburg. Doch die Hoffnung, dass das in naher Zukunft eintrifft, ist klein.