Es ist 11 Uhr. Früher hätte Wiebke Hein schon eine Trainingseinheit auf dem Wasser hinter sich gehabt. Danach in den Kraftraum, Laufen oder aufs Rudergerät. Bis 14 Uhr Training, dann in die Uni. Heute trifft sie sich mit Kommilitonen, um ein Referat vorzubereiten, und hat davor noch Zeit für einen Plausch in einem Berliner Café. Später will sie noch ihr Fahrrad reparieren. Den restlichen Tag, mal sehen.




Das war früher nicht möglich. Wiebke Hein war Leistungssportlerin, Ruderin im Nationalteam. Erster Platz bei der U23-WM im Zweier mit 19, zweiter Platz bei der Deutschen Meisterschaft im Einer und dritter Platz bei der WM im Doppelvierer. Dafür musste sie viel trainieren. Ihr Alltag war durchgetaktet. Spontaner Urlaub, ein Wochenende wegfahren, das ging nicht.


 Für 85 Prozent der Deutschen sind Spitzenathleten Vorbilder, sagt eine Studie der Deutschen Sporthilfe und der Sporthochschule Köln.

Leistungssportler werden bewundert, wenn sie auf dem Treppchen stehen, die Fahne schwenken und vor Freude übersprudeln wie eine Flasche geschüttelter Sekt. Was dann so leicht aussieht, darauf muss ein Leben ausgerichtet werden.




Dazu ist Wiebke Hein nicht mehr bereit. Sie hat Ende des Vorjahres ihre Karriere beendet, mit 24. Eins der größten Nachwuchstalente im deutschen Rudern hört auf. Ihre Geschichte zeigt, welch enormen Aufwand Sportler betreiben und welch geringen Ertrag sie zu erwarten haben. Und im Speziellen, wie schwer sich ein Studium mit Spitzensport in Einklang bringen lässt.




Zu ihrer aktiven Zeit verbrachte Hein zwanzig Stunden wöchentlich im Leistungszentrum am Flughafen Tegel, dem Bundesstützpunkt für Kaderathleten. Am Kanal gelegen, von Bäumen umgeben, das Zentrum sieht idyllisch aus. Neben der riesigen Bootshalle, dem Kraftraum und der Turnhalle gibt es für die Athleten auch kleine Zimmer. Dort können sie sich zwischen den Trainingseinheiten ausruhen und schlafen. Nur eine Viertelstunde Pause zwischendurch, das tat ihr immer gut. Mehr war nicht drin, sonst könnte eine Konkurrentin schon 5.000 Meter mehr auf dem Rudergerät abgerissen haben.




Die bei der Polizei und der Bundeswehr haben es besser

War das Training um 14 Uhr abgehakt, fuhr sie mit dem Rad zur Uni. Wirtschaftsingenieurwesen, ein anspruchsvoller Studiengang. "Ich war enorm auf meine Kommilitonen angewiesen", sagt sie. Abends holte sie den Stoff nach. Die Kurse wählte sie zu Anfang des Semesters nicht nach Inhalt oder Interesse, sondern danach, an welchem Termin die Klausuren stattfanden. Meist zwei bis drei vor dem Trainingslager im Februar, März und den Rest danach. Sie erinnert sich an 2014, als sie an einem Montag von der WM in Amsterdam wiederkam und am Dienstag eine Klausur schrieb. Investition und Finanzierung, ein Fach, bei dem sieben von zehn Prüflingen durchfallen. Sie bestand.




Nun will Hein nicht mehr auf die schönen Seiten des Studiums und des Lebens verzichten. Wie ihr geht es vielen. Seit 1999 gibt es zwar ein Projekt des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes. Olympiastützpunkte kooperieren mit Universitäten, um das Studium flexibler zu gestalten. Doch dass Leistungssportler ihr Studium in Regelstudienzeit abschließen können, heißt das nicht. Spitzensportler, die bei der Bundeswehr oder Polizei ihre Ausbildung machen, haben es einfacher. Deren Ausbildung ist an den Sport angepasst. Bei der Bundespolizei bekommen die Sportler von Januar bis Anfang September frei, um sich auf ihr Training zu konzentrieren. Studium und Sport ist ein viel schwierigerer Kompromiss.