Philipp Lahms Tränen sagen uns vieles. Klingt wie ein Hit der Flippers, steckt aber viel Wahres drin. Nach dem Pokalaus gegen Dortmund konnten alle im Blick des scheidenden Kapitäns erkennen, was für ihn Bedeutung hat im Leben. Er hat so viel gewonnen und doch schmerzen Niederlagen. Lahm hat sich auch nach anderthalb Jahrzehnten Profifußball etwas bewahrt, das Kindliche, was dieses Spiel im Kern ausmacht.

Damit ist Lahm nicht allein in München. Im Februar in Berlin würgten die Bayern in der 97. Minute nach einer schlechten Leistung den Ball zum 1:1 ins Netz. Anschließend fielen Robben, Alaba, Müller, Neuer, Hummels, Lewandowski vor Freude übereinander her. Da feierten Weltmeister und Champions-League-Gewinner einen Ausgleich gegen Hertha BSC, als ginge es um alles.

Noch ein Beispiel zur Mentalität dieser Bayern: Das Hinspiel gegen Real Madrid verloren sie 1:2, dem Spielverlauf hätte eher ein 1:6 entsprochen. Da standen dann Manuel Neuer und Thomas Müller auf dem Rasen, auf dem sie gerade auseinander genommen worden waren, und gaben unerschütterlich zu verstehen: Es ist noch nichts passiert. Es gibt noch ein Rückspiel.

Fußballer, wie sie sich jeder Fan wünschen sollte

Selbst im Spiel gegen Wolfsburg am Samstagabend, mit dem sie sich drei Spieltage vor Saisonende die Meisterschaft sicherten, war dieser Siegeswillen zu spüren. Nach dem frühen 1:0 drängte ein halbes Dutzend Bayern-Spieler die Wolfsburger an die eigene Eckfahne, so als müssten sie noch mindestens 100 Tore schießen, um Meister zu werden. Mussten sie nicht, sie machten trotzdem noch fünf. 6:0, kann man machen.

Die Münchner Spieler sind Fußballer, wie sie sich jeder Fan wünschen sollte, nicht nur der der Bayern. Sie bekommen viel Geld, aber es ist mehr als ein Job für sie. Sie tun es aus Leidenschaft, sie geben so vieles für sich, ihr Team und den Verein, den sie als den ihren empfinden. Und sie gewinnen einfach gerne.

Die Bayern sind schlechter geworden in dieser Saison. Die große Epoche einer Mannschaft geht zu Ende. Zuletzt sind sie in beiden Pokalwettbewerben ausgeschieden, wenn auch knapp. Nun sind sie zwar Deutscher Meister geworden, doch die Stimmung könnte besser sein. Es gibt angeblich nichts zu feiern, zumal es in Deutschland kaum Konkurrenz für sie gibt. Leipzig und Hoffenheim sind noch zu frisch an der Tabellenspitze. Der BVB hat es dieses Jahr versäumt und verträumt, mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen.

Es war oft zu sehen in dieser Saison: Den Bayern ist ein gutes Stück Ordnung und Qualität verloren gegangen, auch Offensive und Initiative. Die Tabelle drückt zwar ihre Dominanz aus, aber viele Spiele waren offen. Selbst kleine Gegner standen nicht mehr nur hinten drin. Es war der Verlust Pep Guardiolas, der nicht auszugleichen war. Aber auch der Kern der Mannschaft ist in die Jahre gekommen.

Sie wollten siegen, siegen, siegen

Und so leisteten sich die Bayern viele schwächere Spiele: Darmstadt, Frankfurt, Freiburg, Schalke, Mainz, Ingolstadt, Hamburg (das Hinspiel), Berlin. Da war auch mal eine Nachspielzeit oder eine Schiedsrichterentscheidung nötig, um zu punkten.

Doch selbst in diesen Spielen legten sie am Ende noch mal zu, gaben sich nie geschlagen, wollten noch ein Tor und siegen, siegen, siegen. Im Gegensatz übrigens zu früheren Bayern-Mannschaften, die sich schon mal auf ihren Lorbeeren ausruhten. Jemand noch in Erinnerung, wie schwach Stefan Effenberg in seinem letzten Bayern-Jahr war?

Der nächste Titel wird schwieriger

Zur Not schossen die Bayern diese Saison die Tore eben anders. Etwa durch Konter, was zuvor gar nicht möglich gewesen war. Oder sie trafen, obwohl sie in Unterzahl angriffen. Das Extrembeispiel war das 1:0 gegen Frankfurt im März: Ein planlos nach vorne geschlagener Ball strandete irgendwo. Weil die Abwehr der Eintracht aber nicht aufpasste, klaute Müller den Ball und passte ihn zu Lewandowski. Früher setzten die Bayern ihren Gegner unter Stress, zwangen ihn zu Fehlern. In diesem Jahr schläferten sie ihn auch mal ein. Hauptsache drin, auch wenn sich Guardiola für dieses Tor vielleicht geschämt hätte.

Selbst bei den zwei Niederlagen in Hoffenheim und Dortmund (je 0:1) waren die Bayern nicht wirklich schlechter, allenfalls eine Halbzeit lang. Zu welchen Höchstleistungen sie noch fähig sind, wenn sie gereizt werden, bewiesen sie im Dezember gegen RB Leipzig. Als der Aufsteiger nahe dran war an ihnen, fegten sie ihn 3:0 aus dem Stadion. Und im April nahmen sie mit einer 4:1-Klatsche an Dortmund Revanche fürs Hinspiel. Auch im Pokal waren sie dem BVB klar überlegen.

Es ist eine große Leistung, Meister zu werden, vor allem zum fünften Mal nacheinander. Das gab es noch nie. Viele sagen nun wieder, es sei keine Kunst, wenn man so viel Geld und solche Spieler hat. Und es stimmt ja, die Konkurrenz ist klein. Aber auch das ist ein Erfolg, das Monopol der Bayern ist erarbeitet. Mit Geld muss man umgehen können. Grüße nach Hamburg, Stuttgart, Leverkusen und Schalke, auch Hannover, Berlin, Frankfurt und Köln. Das Verdienst gilt vor allem Uli Hoeneß, der seit November wieder zurück ist. Über Jahrzehnte hat er den Verein wie kein zweiter in der Bundesliga geführt.

Fehler fielen nicht auf

In den vergangenen drei, vier Jahren machte die Vereinsspitze aber Fehler. Es fiel nicht auf, es lief von allein, dank der Lahm-Elf und Guardiola. Auch dank Carlo Ancelotti, der meisterwürdig coachte. So einfach, wie viele behaupten, ist es nicht, einen Kader von Fußballern solcher Güte, Erfahrung und Macht anzuleiten und im Griff zu haben. Immer die Richtigen aufstellen, das können nur die wenigsten.

Nun steht Ancelotti in der Kritik, auch vereinsintern. Es heißt, er habe zu sehr auf die Alten gesetzt. Doch Spieler wie Costa, Coman, Kimmich und Sanches wird kein Trainer der Welt zum Topfußballer machen können. Es waren die Transfers der vergangenen Jahre, die nicht meisterhaft waren. Aus der Jugendabteilung kommt ohnehin schon lange nichts mehr.

Man weiß nicht, was bis zum neuen Saisonstart passieren wird. Aber vieles deutet darauf hin, dass der nächste Meistertitel für die Bayern schwieriger zu erreichen sein wird als der aktuelle. Ein Grund mehr, jetzt zu feiern.