Ein Held wie wir – Seite 1

Die Ruhmeshalle des deutschen Sports ist eine seltsame Einrichtung. Sie nennt sich Hall of Fame, was weder einfallsreich noch besonders deutsch klingt. Sie existiert eigentlich nur virtuell, im Internet kann man sich durch die mittlerweile 103 Sportler, Trainer und Funktionäre klicken, sogar ein Sportjournalist ist dabei, Harry Valérien. In einem Hotel im Westerwald hängen zudem ein paar Ölgemälde, die sogenannte Daueraustellung. Eine zusätzliche Wanderausstellung war bis Ostern in einem Krankenhaus in Titisee-Neustadt zu sehen. Genau genommen hat also kein Sportfan je die Hall of Fame gesehen und man würde auch nicht von ihr hören, würde nicht über sie diskutiert werden. Wie jetzt, wenn es moralisch wird, oder politisch. Oder beides.

Während am Freitag nämlich Heike Drechsler (Leichtathletik), Sven Hannawald (Skispringen), Franz Keller (Nordische Kombination) und Lothar Matthäus (Fußball) in die Ruhmeshalle aufgenommen wurden, wurde ein anderer Sportler schon zum zweiten Mal von der Jury abgelehnt: Gustav-Adolf Schur, 86 Jahre alt, Volksheld. "Gustav-Adolf 'Täve' Schur verfehlte das Quorum von 50 Prozent der abgegebenen Stimmen", heißt es in der Mitteilung der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die die Hall of Fame einst gegründet hat. Und weiter: "Die Nominierung des DDR-Radsportidols Schur hatte sowohl Zustimmung als auch Kritik hervorgerufen." Was war passiert?

Täve Schur wurde 1989 zum beliebtesten Sportler der DDR gewählt. Jeder, der im Osten groß geworden ist, kennt Täve Schur. Ein Jahr nachdem der Westen 1954 das Wunder von Bern feierte, siegte Schur bei der Friedensfahrt, der Tour de France des Ostens, und schenkte der DDR ihr sportliches Erweckungserlebnis. Später wurde er Weltmeister, holte Silber und Bronze bei Olympischen Spielen und gewann noch einmal die Friedensfahrt. Neunmal wurde er Sportler des Jahres. So oft wie kein anderer.

Es ist nicht einfach, ein Held zu sein

Schur sollte damals eine wichtige, aber auch folgenreiche Funktion erfüllen. In diesen Jahren war die DDR vielen Bewohnern noch fremd. Sportliche Erfolge stifteten Identität, Athleten wurden zu Mittlern zwischen Genossen und den Leuten auf der Straße. Schur hat diese Rolle gerne gelebt. Er war so populär, dass er in zwei Filmen mitspielte. Noch im Oktober 2000 wurde ein Asteroid nach ihm benannt, "(38976) Taeve".

Schur war aber auch treues SED-Mitglied und saß seit 1959 als Abgeordneter in der Volkskammer der DDR. "Alles, was ich geworden bin, verdanke ich der Partei und dem Sport", sagte er damals. Sätze, die man damals eben sagte. Doch auch heute noch versucht Schur gar nicht erst zu verbergen, dass er die DDR für ein gutes, ja, das bessere Land hält. Das kann ein 86-Jähriger, der seine Kindheit im Schrecken des Faschismus samt Weltkrieg verlebte, durchaus so sehen. Empathische Worte zu Mauertoten oder Stasiopfern sind von Schur aber eher nicht überliefert.

Und dann wäre da noch seine Sicht auf das Dopingland DDR. "Die DDR war ein Musterland an sportlicher Gesundheit", sagte er einmal. Kurz vor der Entscheidung der Jury legte er in diesen Tagen noch einmal nach. Dem Neuen Deutschland gab er ein Interview, das ihm wohl zum Verhängnis wurde. "Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen", sagte er dort. Was dumm ist und falsch (der Gewichtheber Gerd Bonk etwa starb 2014 an den Folgeschäden des DDR-Dopings) und schwer zu ertragen für Tausende Opfer, die oft noch als Kinder oder Jugendliche zwangsgedopt wurden und heute telefonbuchdicke Krankenakten mit sich herumschleppen. Wenn sie sich überhaupt noch bewegen können.

Es gibt also viele gute Argumente, anzunehmen, Täve Schur sei ungeeignet, in die Hall of Fame einzuziehen. Es gibt aber auch eines, was dafür spricht: Es ist nicht einfach, ein Held zu sein.

Wenn man alle sportlichen Ehrenträger nach strengsten moralischen Maßstäben aussortieren würde, wäre es schnell leer in der Ruhmeshalle. Josef Neckermann, Rudolf Harbig, Sepp Herberger, Willi Daume und Gustav Kilian waren Mitglieder der NSDAP und Repräsentanten des Hitler-Regimes. Der Turner Eberhard Gienger gab an, das Dopingmittel Fortabol genommen zu haben, wie er sagt, nach einer Operation und nicht zur Leistungssteigerung. Die neu aufgenommene Heike Drechsler hat eine Dopingvergangenheit. Nach Peter-Michael Kolbe wurde eine Vitaminspritze benannt. Friedrich Ludwig Jahn sinnierte von einem Großdeutschland, inklusive der Schweiz, Holland und Dänemark. Katharina Witt verstand sich sehr gut mit DDR-Führung und Stasi, Heike Drechsler wurde als IM "Jump" geführt. Franz Beckenbauer ist Franz Beckenbauer. Und Boris Becker, war da nicht was mit Steuern?

Ein Sportler kann auch einfach nur Mensch sein

Auch der Sportler ist nur ein Produkt des Gesellschaftssystems, in dem er großgeworden ist und schwitzend seine Höchstleistungen vollbringt. Auch er kann sich nicht immer freimachen von den Fehlern seiner Gesellschaft und Widersprüchen seiner Zeit. Selbst heute noch. Solange es Menschen gibt, die Steuern hinterziehen, werden auch Fußballbosse Steuern hinterziehen. Solange es Menschen gibt, die während der Nationalhymne Grimassen schneiden, werden das auch Olympiasieger tun. Solange jemand in Hotellobbys pinkelt, nun ja.

Natürlich gibt es Menschen, die größer, reiner und aufrichtiger sind als andere. Henner Misersky zum Beispiel, ein DDR-Leichtathlet, der später Trainer wurde und sich weigerte, seine Sportlerinnen zu dopen, darunter seine eigene Tochter. Dafür wurde er als Trainer entlassen, seine Tochter gesperrt. Nach der Wende arbeitete er das DDR-Doping auf und zog dafür selbst in die Hall of Fame ein. Seine Tochter Antje gewann nach der Wende vier Olympiamedaillen im Biathlon. Henner Misersky war einer der heftigsten Kritiker von Schurs Nominierung.

Aufklären statt verklären

Aber nicht jeder ist so stark. Ein Sportler kann ein Held sein, muss es aber nicht. Er kann auch einfach nur Mensch sein. Die Überhöhung der heiligen Athleten in kurzen Hosen, zu der man selbstredend auch die Einrichtung einer Hall of Fame zählen kann, tut dem Sport nicht gut. Genau diese Glorifizierung ist für vieles verantwortlich, an dem der Spitzensport unserer Zeit krankt.

Korrupte Verbände wie Fifa und IOC können es sich erlauben, Milliarden aus eigentlich klammen Gastgeberländern von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen herauszuquetschen, weil Sport doch so wichtig sei, Brücken baue und was man sonst noch so in Sonntagsreden hört. Mit dem gleichen Argument kuscheln die Verbände mit autokratischen Regimen. Selbst die Zeiten, in denen Sportler die Überlegenheit des eigenen Systems beweisen sollen, sind noch längst nicht vorbei, die Winterspiele von Sotschi und das parallel laufende russische Dopingprogramm haben das gezeigt.

Die Aufnahme von Täve Schur, dem Volkshelden und Dopingverharmloser, dem Friedensfahrer und Fan der Berliner Mauer, würde zeigen, dass der Sport nie so rein war, wie ihn die Weißwäscher, die mit ihm ihr Geld verdienen, gerne hätten. Erst wenn Sportler mit all ihren Verfehlungen aufgenommen werden, wird aus einer Gemäldesammlung ein lebendiger Ort der Gesellschaft.

Die Hall of Fame wäre dann eher Museum als Ahnengalerie. Ein Ort der Erkenntis statt ein Sportwalhalla. Sie würde aufklären statt verklären. Aufklärung, genau das wollten ja eigentlich auch die Gegner der Nominierung Täve Schurs. Doch vor allem mit ihm hätte die Ruhmeshalle etwas gelehrt, über Geschichte und Ambivalenz fernab reiner Heldenverehrung. Vielleicht hätte sie dann endlich auch jemand wahrgenommen.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Passage über den Turner Eberhard Gienger nachträglich präzisiert.