Das Spiel war schon eine halbe Stunde vorbei, als der schwarzgelbe Fan-Block "Thomas Tuchel" sang. Nicht aus vollem Herzen, aber gerade eben so laut und so lange, dass man es am anderen Ende des Stadions hörte. Denn das Pokalfinale von Berlin sollte vielleicht Tuchels letztes Spiel für Dortmund werden – und die Fans begriffen es als letzte Chance, ihn zu feiern, ihn im Machtkampf mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim "Aki" Watzke zu unterstützen.

Ihr Sprechchor war ein Zeichen der Solidarität auf den letzten Drücker und er war so wackelig wie der 2:1-Sieg der BVB-Elf gegen Eintracht Frankfurt. Weil das Wie am Ende nicht entscheidet, sicherte sich Dortmund seinen ersten Titel seit fünf Jahren, Tuchels ersten überhaupt. Doch für den Trainer stand das eigentliche Finale nach dem Abpfiff noch aus. Sein schwerster Gegner ist Watzke, der ihn womöglich entlassen wird.

Disteln in Tuchels Blumenstrauß

Das Watzke/Tuchel-Drama bietet seit Wochen Gesprächsstoff und so schwenkte die Stadionkamera beim Abpfiff auf Tuchel, auf Watzke, auf ihre Umarmung, die diesmal etwas länger ausfiel als vorige Woche – und trotzdem nicht so lang wie die von Watzke und Niko Kovac, dem Trainer des Gegners. "Ich habe ihm natürlich gratuliert, wie es sich gehört", sagte Watzke, "es ist ja auch sein erster Titel". Da waren ein paar Disteln im Blumenstrauß.

Auf der Pressekonferenz sprach der Trainer kaum über das Spiel. "Es wird Gespräche geben, ich denke ergebnisoffen", sagte Tuchel, der das Thema vorwärtsverteidigend und charmeoffensiv selbst ansprach. Fragende Journalisten nannte er, sehr außergewöhnlich, beim Namen. "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es ausgeht, Herr Zorn", sagte er. "Ich will aber nicht naiv erscheinen." So offen und höflich lächelnd redet ein Trainer selten über seinen möglichen Rauswurf. Die in solchen Fragen gewöhnlich gut informierte Bild-Zeitung meldete noch am Abend, dass Tuchel in den nächsten Tagen entlassen werde. Tuchels Lager ließ wissen, mit ihnen habe niemand gesprochen.

Experimentelle Aufstellung

Mit dem Pokalsieg hat Tuchel seinen Preis noch ein Stückchen weiter nach oben getrieben. Er hat ihn mit Jungspunden geholt. Das erste Tor schoss der hakenschlagende Ousmane Dembélé, vor dem zweiten entwischte Christian Pulisic der Abwehr und wurde zum Elfmeter gelegt. Der eine ist 18, der andere gerade 20 geworden. Tuchel sagte, er werde an einem der schönsten Tage seiner Trainerkarriere etwas trinken gehen, einen Gin Tonic.

Dennoch könnte man es der Vereinsführung nicht krummnehmen, wenn sie sich in ihren Zweifeln an Tuchel bestätigt fühlte. Zum einen strich Tuchel Nuri Sahin, mit dessen Einsatz wegen Julian Weigls Verletzung gerechnet worden war, aus dem Kader. Das wirkte auf manche Spieler und Fans kühl. "Ich war geschockt", sagte der Kapitän Marcel Schmelzer, "die Mannschaft steht hinter Nuri." Stattdessen bot der Trainer Matthias Ginter im zentralen Mittelfeld auf und ließ Gonzalo Castro auf der Bank.

Eine experimentelle Entscheidung. Ginter beherrscht nicht, was auf dieser Position gefordert ist, nämlich auf engem Raum in Ruhe und sicher den Ball nach vorn tragen, um Angriffe einzuleiten. Castro beherrscht das schon.