Der Centercourt ist prall gefüllt, Viertelfinale des Mastersturniers von Rom. Auf dem Platz stehen zwei der besten Sandplatzspieler der Saison: die Legende Rafael Nadal und der 23-jährige Youngstar Dominic Thiem.

Es ist ihr drittes Aufeinandertreffen innerhalb weniger Wochen. Die Zuschauer erwarten großen Sport, doch niemand rechnet mit einer Sensation. Zu deutlich hat Nadal die vergangenen Partien in Barcelona und Madrid dominiert. "The King of Clay" – der Sandplatzkönig –, wie ihn die Sportreporter dieser Welt nennen, scheint auf der roten Asche unschlagbar.

Doch diesmal läuft es anders. Thiem legt einen Blitzstart hin. Nach einer Viertelstunde führt er bereits mit Break vor, ein zweites scheint möglich. Noch nie sah man Nadal in dieser Saison auf Sand wirklich besorgt. Jetzt kann jeder in seinem Gesicht ablesen, wie sehr ihn das Spiel des Österreichers beunruhigt.

Es ist die Art, wie Thiem dominiert, die Zuschauer, Reporter und Gegner staunen lässt. Er hämmert die Bälle nur so in die Ecken. Volles Tempo, Schlag für Schlag. Eine Statistik zeigt, dass Thiems Vor- und Rückhand gerade durchschnittlich rund 20 Stundenkilometer schneller sind als die Nadals – ein ungeheurer Wert.

Auf der Tribüne sitzt Toni Nadal, der Onkel des Spaniers, der seit Kindertagen jedes Match seines Schützlings verfolgt. Sein Gesicht zuckt nervös, ratlos guckt er zu seinem Sitznachbarn. Einige Plätze weiter sitzt Thiems Trainer Günter Bresnik, ebenfalls ein Österreicher. Mit Pokerface blickt er auf den Court, wie er es immer tut. Doch innerlich dürfte er triumphieren.

"Volle Post!" heißt das Konzept

Dominic Thiem zählt zu den Favoriten der French Open, die an diesem Sonntag in Paris beginnen, wo er in der ersten Runde auf den Australier Bernard Tomic trifft. Er ist Bresniks "Meisterstück". So schreibt er es zumindest in seinem Buch Die Dominic-Thiem-Methode. Der Untertitel lautet: Erfolg gegen jede Regel. Das mag wie eine Phrase klingen, doch auf dem Centercourt von Rom spürt gerade jeder, dass Bresniks Methode heute selbst Rafael Nadal alt aussehen lassen könnte.

"Volle Post" nennt Bresnik das Konzept, mit dem er Thiem zur derzeitigen Nummer sieben der Weltrangliste gemacht hat. Thiem erläutert in seinem Vorwort zu Bresniks Buch: "Volle Post! Das hieß: auf jeden Ball mit ganzer Kraft draufdreschen. Stundenlang." Den Gegner austricksen oder taktisches Spiel verbietet Bresnik. "Nur eine Aufgabe: Punkte schießen. Oder Fehler machen."

Thiem war elfeinhalb Jahre, als er begann, jeden Tag bei Bresnik zu trainieren. Kurz zuvor hatte er das Achtelfinale beim Turnier im französischen Auray gewonnen, dem wichtigsten europäischen Turnier für Zwölfjährige. Sein Tennis war damals das Gegenteil von Bresniks Methode. Thiem spielte Mondbälle, Stopps, eierte die Bälle stundenlang ins Feld, ohne einen Fehler zu machen. In Österreich war er unschlagbar.

Dann kam Bresnik. "Ab jetzt machen wir's gescheit", sagte der und verbot so ziemlich alles, was Thiem erfolgreich gemacht hatte. Ab jetzt hieß es nur noch: "Volle Post!" Thiem schlug mit aller Kraft und drosch den Ball regelmäßig an den Zaun statt ins Feld. Er verlor ein Match nach dem anderen. Jahrelang. Thiem rutschte in der Rangliste so weit ab, dass die Medien das einstige Supertalent abschrieben, Trainerkollegen erklärten Bresnik für verrückt.

Doch Thiem vertraute "dem Günter", und so taten es seine Eltern. Der Vater arbeitete damals in der Tennisschule von Bresnik, auch die Mutter arbeitete als Tennistrainerin. Sie glaubten an Bresniks Credo: "Er muss lernen, gewinnen zu wollen, statt nicht verlieren zu wollen." Sein Ziel: Thiem zum "idealen Spieler" zu formen.

Auf dem Centercourt von Rom sieht das Publikum einen Dominic Thiem, der Bresniks Idee des idealen Spielers recht nahe kommen dürfte: Thiem drischt und trifft, beinahe fehlerfrei. Er lässt kaum lange Ballwechsel aufkommen, Nadal bekommt wenig Gelegenheiten für seine gefürchteten Konterschläge. Am Ende ist die Sensation perfekt: 6:4 6:3 für Thiem. Nadal ohne Chance, auch nur einen Satz zu gewinnen.