Über manche Fußballer weiß man schon heute, dass man später einmal sagen wird: "Weißt du noch damals, als er noch spielte". Auch meine Geschichte mit dem Italiener Francesco Totti könnte so anfangen. Er weiß das nicht, aber er hat mein Leben verändert. Ich war sieben Jahre alt, die Europameisterschaft 2000 ist das erste Turnier, an das ich mich erinnere. Damals, während des Halbfinals der Niederlande gegen Italien, mein Italien, sage ich seinen Namen ganz leise. Nur für mich. Meine Zungenspitze schlägt hinten an die Zähne. Immer wieder. Totti, Totti, Totti. Als ich ihn am Elfmeterpunkt sehe, löst sich der Bildschirm auf.

Es gibt Totti, mich und diesen Riesen, diesen Edwin van der Sar. Totti läuft an und lupft den Ball ins Tor.
Später wird sich um diesen Elfmeter eine Legende bilden, angeblich hat er den cucchiaio, den frechen Heber, dem Teamkollegen Luigi di Bagio angekündigt. Totti grinst, bindet sich das Band um die langen Haare. Ich war das erste Mal verliebt.

Rom und er, das wird immer weitergehen

Man wird auf der Erde nur wenige Orte, wahrscheinlich keinen, finden, an denen ein Fußballspieler und seine Stadt so zusammengehören wie es sich mit Francesco Totti und Rom verhält. Rom liebt ihn und er liebt sie. Am vergangenen Wochenende hielten selbt die Fans des verhassten Stadtrivalen Lazio ein Transparent hoch, auf dem stand: "Die Feinde eines Lebens verabschieden Francesco Totti." Auch andere Fans aus Mailand, Verona und Turin verabschiedeten sich in den vergangenen Wochen von ihm. Am Sonntag gegen den CFC Genua endet zumindest seine aktive Karriere, die Stadt und er aber, das wird immer weitergehen.

Seine Karriere, das sind 24 Jahre Profifußball, immer für den AS Rom, 785 Einsätze und 307 Tore. Kein anderer Profi war seinem Verein treu. Totti ist Rom und Rom ist Totti. Er hat nicht so viele Titel gewonnen wie Philipp Lahm oder Xabi Alonso, die jetzt auch aufhören. Zwei Pokale wurden es, eine Meisterschaft und er wurde mit Italien Weltmeister 2006. Danach verließ er aber die Nationalmannschaft, um sich voll auf die Roma zu konzentrieren. Für den AS Rom wird dieser Sonntag als Wendepunkt in die Geschichte eingehen, die Zeit vor und nach Totti.

Beim Training trug ich nur noch sein Trikot. Ich musste ihn wieder spielen sehen. In echt und in Hamburg. Und Totti und der AS Rom kamen mich besuchen. Mein Vater kaufte die Tickets, Uefa Cup, damals noch gegen den HSV. Ich würde das erste Mal in meinem Leben ins Stadion gehen und ich würde Totti sehen. An jenem Abend im Dezember 2000 zitterte ich vor Freude. Doch Totti spielte nicht. Mein Vater sagte, dass der HSV eben zu schlecht für ihn sei. Totti sitze dort auf der Bank, neben einem Batistuta, dem mit den langen Haaren, siehst du? Da weinte ich schon, mein Vater trug mich lange vor Abpfiff aus dem Volksparkstadion.

Er war sofort mein Lieblingsspieler. Nach der Schule sprach ich mit dem Poster, das wir im Sommerurlaub gekauft hatten und das nun an meiner Schrankwand hing. Auf Italienisch. Ciao Totti, ich gehe jetzt zum Training, schlaf gut, Buongiorno. Totti war mein Geheimnis. Er schoss tolle Tore und gewann in der Saison, in der er mich in Hamburg besuchte, sogar eine Meisterschaft. Er spielte bei einem Verein mit gelbroten Farben in Rom, das war die wichtigste Stadt in Italien. Von ihm, dem Stadio Olimpico und dieser Hauptstadt, in der wirklich jeder Totti zu kennen schien, bekamen meine Fußballfreunde in Deutschland nichts mit. Totti war weit weg und sie hatten ja nicht einmal italienisches Fernsehen.

Oh, Totti!

Nur bei der Weltmeisterschaft durften ihn alle sehen. Doch 2002 pfiff die Fifa Italien aus dem Turnier, zumindest ist das für uns einigermaßen offensichtlich. Totti bekam in einem Skandalspiel gegen den Gastgeber Südkorea eine gelbrote Karte wegen einer vermeintlichen Schwalbe im Strafraum. Und während mein Vater als einer der ersten der Fifa eine lange und qualvolle Zeit in der Hölle wünschte, weinte ich wieder wegen Totti. Bei der EM 2004 kam es noch schlimmer. Er spuckte dem Dänen Christian Poulsen ins Gesicht. Wie würden ihn meine deutschen Freunde da auch mögen wollen? Alle Annäherungsversuche scheiterten.

In der Umkleidekabine meiner C-Jugend-Mannschaft war er kein Thema. Wir trugen die Frisuren von Beckham und die Schuhe von Ronaldinho. Jeder hatte seinen Helden. Ich war AC-Mailand-Fan, liebte Schewtschenko, Gattuso, Pirlo und Kaká. Nur manchmal zog ich mir kurz vor den Spielen die Stutzen bis zu den Schienbeinschoner runter, dann blieb ich Totti heimlich treu.

Zur selben Zeit erschien in Italien ein Buch mit Witzen. Es war gelb, sein Gesicht war darauf abgebildet und es lag überall. In der Bahnhofsbücherei, am Strand, bei Verwandten Zuhause. Ich kaufte es mir und las. Totti soll auf die Frage, was er als Römer vom Leitspruch Carpe diem halte, "Ich kann kein Englisch" geantwortet haben. Und auf die Frage eines Richters, wie er sich denn verteidige, mit "Pellizzoli, Panucci, Candela, Samuel." Wusste er denn nicht, dass sie nicht mit ihm, sondern über ihn lachten? Oh, Totti!

Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass Selbstironie und Treue für Totti sehr wichtig sind. Dass es da diese Angebote von Real Madrid gegeben hat. Dass er sie ablehnte und bei der Roma blieb. Dass er gerne der Dumme war und dass ihm das nicht einmal schadete. Im Gegenteil. Er wurde immer beliebter. Und immer besser.