Schnell noch mal nachgezählt. Tatsächlich, in einer Szene Mitte der zweiten Halbzeit befanden sich zehn der elf Spieler der Weißen im eigenen Strafraum. Hier verteidigte aber nicht Borussia Posemuckel gegen Barcelona, sondern die deutsche Nationalmannschaft, der Weltmeister. Und das beim Stand von 1:1 gegen Chile. Es gab noch mehrere ähnliche Momente, ungewöhnlich für die Mannschaft des Offensivliebhabers Joachim Löw.

Die verstärkte Defensive war jedoch angebracht. Chile, der Südamerikameister von 2015 und 2016, war ein starker Gegner, der das Turnier in Russland gewinnen will. Die Elf ist eingespielt, ihre Hierarchien sind gefestigt. Die Deutschen hingegen sind eine Sammlung von Unerfahrenen und Ersatzspielern. Der Kader hat als Ganzes keine Zukunft. Der Confederations Cup ist einzig eine Gelegenheit für Spieler, für künftige Aufgaben auf sich aufmerksam zu machen. Eine Konstellation, die Egoismus und Profilierungssucht befördern könnte.

Der Confed-Cup ist also für die deutschen Spieler eine Art Casting für die WM im nächsten Jahr. Dennoch bewiesen sie im bisher besten Spiel dieses Turniers das, was fast jede deutsche Mannschaft ausmacht, selbst wenn der Gegner, wie es die Chilenen lange waren, überlegen ist: Widerstand, Ergebnisfußball, Teamwork.

Es ging schlecht los. Der Libero Shkodran Mustafi schob den Ball mehr oder weniger zum Gegner, bald lief Alexis Sánchez auf Marc-André ter Stegen zu. Tor, die vielen Tausend Chilenen in der Kasan-Arena schrien, was sie nur konnten. Überhaupt Mustafi, taktisch ist er ein erstklassiger Verteidiger, auch ist er unter den Deutschen der beste Zweikämpfer. Aber wenn er den Ball führt, hält der deutsche Fan die Luft an. Mustafi unterliefen einige Fehlpässe, alle zudem, ohne dass er in Bedrängnis war.

Das Tor gab den Chilenen nur deswegen nicht mehr Selbstvertrauen, weil sie ohnehin voller Selbstbewusstsein angetreten waren. Sie machten das Spiel. Deutschland verteidigte, Löw bot fünf Abwehrspieler auf, zudem vier Mittelfeldspieler. Dennoch hätte Chile beinahe das 2:0 erzielt, traf aber bloß die Unterseite der Latte. Der Absender des Schusses trägt den Namen eines Bond-Bösewichts aus Thunderball: Vargas. Was natürlich überhaupt nichts zur Sache tut.

Ein gewonnener Zweikampf, ein gelungenes Dribbling

Wer geglaubt hätte, dass die deutsche Elf den Mut verlieren sollte, nur weil sie nicht in gewohnter Spielerzahl angreifen konnte, sah sich getäuscht. Sie tastete sich vor, näherte sich. Hier mal ein gewonnener Zweikampf, da mal ein gelungenes Dribbling – das schafft Raum. Sie konnte das Geschehen nicht beherrschen, wie sie es sonst anstrebt. Aber sie ließ sich nicht nur hinten reindrängen.

Und dann landete der Ball nach einer gar nicht unriskanten Kombination auf engem Raum bei Emre Can. Der stand zwar noch in der Abwehrhälfte, doch der Weg durchs Zentrum war frei. Er trieb den Ball nach vorne, schickte Jonas Hector über links, dessen Querpass fand Lars Stindl. Wieder ein Tor des Gladbachers, er braucht nicht viele Chancen. Ein astreiner Konter, der an ein früheres, wichtiges Tor erinnerte: das 1:1 von Stefan Kuntz im EM-Halbfinale 1996 gegen England.