Das Match bot noch andere historische Anleihen, die Deutschen gaben sich ein wenig wie in den Achtzigern. Sie waren es, die mehr foulten. Nicht die angeblichen "Krieger" aus Südamerika. Zudem standen die Deutschen mit dem Schiri gut. Mustafi hätte für einen Tritt von hinten gegen Arturo Vidal, mit dem er seinen Fehler wiedergutmachen wollte, Rot sehen müssen. Sebastian Rudy wurde beim ersten taktischen Foul von einer Gelben Karte verschont, weswegen er sich ein zweites kurz darauf leisten konnte. Joshua Kimmich dagegen bekam zwei, drei Freistöße auf recht simple Art: durch halbe Hinfaller.

Ordentliche Leistung des Reservekaders

Stand die erste Halbzeit im Zeichen der Chilenen, verlief die zweite nahezu ausgeglichen. Erst waren sie wieder besser, gegen Ende waren es die Deutschen. Insgesamt entstand ein Gleichgewicht. Eine ordentliche Leistung des deutschen Reservekaders, auch wenn Chile gut, aber nicht ganz die überragende Mannschaft ist, zu der sie Joachim Löw rhetorisch machen wollte.

Die Deutschen erwarben auch deswegen mehr Anteile im Mittelfeld, weil Rudy, die Zentrale, seine Sache gut machte. Ballsicher ist er ja immer, diesmal blieb er sogar nahezu fehlerlos. Und er nahm mehr Einfluss als sonst. Er ist ein Schleicher, sein Wirken sieht schweißfrei aus, er beherrscht den verzögerten Pass, mit dem er seine Gegenspieler erst anlockt, dann rausnimmt. Er kann auch das Zuspiel mit Schärfe. Rudy dürfte an diesem Abend die meisten Casting-Punkte gesammelt haben.

Der Respekt vor dem Gegner war jeweils groß gewesen. Mit dem Unentschieden waren also beide Seiten zufrieden, konnten sie auch sein. Die Deutschen verteidigten lange, zwischendurch hielten sie es mit Glück. Doch hatten sie keinen schwerwiegenden Schwachpunkt, weswegen Löw erstmals in seinen elf Jahren nicht auswechselte. Allenfalls Leon Goretzka fand nicht richtig rein. Und die Chilenen waren aktiver, besser, kamen aber zu selten durch die deutsche Abwehr. Am Ende stand ein gerechtes Ergebnis, das beiden Teams bestimmt den Einzug ins Halbfinale weist.