Etwa 500 Fußballfreunde standen zwischen den bunten Zwiebeltürmen der Blutkirche und dem ehemaligen Pferdegehöft der Eremitage. Einige Mexikaner waren da, auch ein paar Russen im Deutschland-Trikot. Und Sergej aus Sankt Petersburg, ein ehemaliger Hauptmann der Roten Armee, der von 1985 bis 1990 in Potsdam in der DDR stationiert war. In der Fanzone in Sankt Petersburg war also einiges los, aber man merkte bald, dass es an diesem Abend nicht mehr viel spannender wird.

Auf der großen Leinwand lief das Halbfinale Deutschland gegen Mexiko, und ehe man sich versehen konnte – zack, zack, nicht mal acht Minuten waren gespielt, da stand es 2:0 für Deutschland. Mancher Mexikaner mag mit Schrecken an die WM 2014, an Brasilien und an ein 1:7 gedacht haben. Die deutsche Elf begann das Spiel ähnlich rasant. Dabei ist Jogis erfrischende Russland-Reisegruppe ja noch immer Deutschlands zweite Mannschaft, der Sieg gegen Mexiko war ihr bestes Spiel.

Leon Goretzka heißt der Torschütze. So früh hatte noch kein deutscher Nationalspieler vor ihm zwei Tore in einem Länderspiel gemacht, nicht mal Gerd Müller oder Uwe Seeler. Seinen Treffern waren smarte Pässe vorausgegangen, dem ersten einer von Benjamin Henrichs, dem zweiten einer von Timo Werner. Mexikos Abwehr erwies sich sofort als die erwartete Schwachstelle wie bislang in jedem Spiel dieses Turniers.

Goretzka, der das letzte Gruppenspiel gegen Kamerun auf der Bank verbracht hatte, schoss seine Turniertore zwei und drei, und zog damit vorbei an Ronaldo, bis auf Platz 1 der Torjägerliste. Die Gäste in der Fanzone staunten, als der TV-Moderator das verkündete.

Goretzka bekam sogar Konkurrenz. Erst verpasste Werner ein paar Chancen. Einmal wurde er gestoßen und ging vom Lauf in den sehr flüchtigen Handstand über, ein cleverer Stürmer wäre da hingefallen. Dann aber traf der Leipziger ins leere Tor. 3:0. Er hat nun auch drei Tore.

Es ist schon beachtlich, welche Ergebnisse der unerfahrene deutsche Kader in Russland liefert. Und wie sich die Spieler für die WM im nächsten Jahr aufdrängen wollen. Den Namen Werner wird man sicher zukünftig häufiger im Zusammenhang mit der Nationalelf hören, viele starke deutsche Stürmer gibt's ja sonst nicht. Er könnte einer sein, der die nächsten zehn Jahre das Nationaltrikot tragen wird.

Für den Feinschmeckermoment dieses Spiels zeichnete Julian Draxler verantwortlich. In einer Szene der zweiten Halbzeit rollte der Ball auf ihn zu, er sprang mit dem rechten Bein drüber und legte den Ball mit links am Gegner vorbei, umkurvte ihn aber rechts. Bravissimo! Das sah elegant und effektiv aus, was ja ein Thema bei diesem Spieler ist. Einige stören die unkapitänhaften Übersteiger, mit denen er nicht nur seinen Gegenspielern auf die Nerven geht. In der Fanzone in Sankt Petersburg sagt Sergej: "Ich hab Didi Beiersdorfer, als der noch Sportdirektor bei Zenit Sankt Petersburg war, mal gesagt, dass er Draxler holen soll." Er antwortete, der sei zu teuer.

Das Ergebnis, 4:1, täuscht ein wenig. Die Mexikaner waren oft nah dran am Anschlusstor. Sie erreichten Übergewicht, setzten sich am deutschen Strafraum fest. In solchen Szenen sah man, dass das deutsche Mittelfeld den Gegner nicht vom Tor weghalten kann. Die Mannschaft stand sehr tief hinten drin und lauerte dann auf Konter.

Die Mexikaner vergaben einige gute Chancen, als hätten sie einen Tequila zu viel getrunken. Sie scheiterten auch an Marc-André ter Stegen oder sie löffelten drüber, wie Chicharito in der ersten Halbzeit. Auch Pech kam hinzu, etwa bei einem Kopfball an die Latte. 5:4 für Deutschland – und niemand hätte sich beschweren brauchen.

Welch Ironie, dass ausgerechnet ein Schuss des Frankfurters Marco Fabián aus mehr als 30 Metern Entfernung rein ging. 3:1, 89. Minute. Kurz darauf tauchte Mexiko schon wieder im deutschen Strafraum auf. Doch dann fiel das 4:1.

Die Leute in Sankt Petersburg nahmen es gelassen. Es war recht kühl an diesem Sommerabend. Sergej denkt an seine Zeit in der DDR. "Dort zu leben, war für uns das Größte", sagte er. "Das mag kurios klingen, aber bei uns in der UdSSR lag damals ja alles am Boden. Ich hab damals den Ostdeutschen gesagt: 'Ihr wisst ja gar nicht, wie gut es euch geht." Dann ging er in das kleine Zelt am Rand der Fanzone und schaute sich die in Vitrinen ausgestellten Memorabilien des russischen Fußballs an.

Für ihn sei die WM in Russland im kommenden Jahr ein Märchen, er habe das nie für möglich gehalten. Er sagte auch noch, dass er gelesen habe, dass Sotschi den Deutschen gefallen habe, es habe in der Zeitung gestanden, dass sie nächstes Jahr wieder dorthin wollen. "Aber in der Zeitung steht ja viel Unfug." Jetzt müssen, nein, dürfen die Deutschen nach Sankt Petersburg. Zum ersten Mal stehen sie am Sonntag im Finale der Confederations Cup. Der Gegner heißt Chile, ihn kennen sie aus der Vorrunde. Könnte spannend werden.