Das sechste Gegentor schmerzte Elia Benedettini offenbar am meisten. Bei den Treffern zuvor hatte er sich keine Enttäuschung anmerken lassen. Nach dem 6:0 der Deutschen blieb er jedoch regungslos auf dem Bauch liegen, als hätte er genug. Hatte er natürlich nicht, ein paar Momente später stand er wieder auf. Und auf den folgenden Treffer, den siebten, reagierte er wieder gelassen, wie auf die vielen zuvor. Sportsmann eben.

Sein Gegner an diesem Abend war das Team des Weltmeisters, dessen Stars zwar großteils geschont wurden, dessen Spieler dennoch für Arsenal, Paris, Liverpool, Ajax Amsterdam, Barcelona oder Bayern München aktiv sind. Benedettinis Team hingegen gehört zu den drei schlechtesten Nationalmannschaften der Welt. Letzter und einziger Sieg vor dreizehn Jahren, 1:0 gegen Liechtenstein. An diesem Abend in Nürnberg war er der einzige Profi in der Startelf, vor ihm verteidigte eine Abwehr voller Amateurfußballer und überhaupt war es wieder mal ein echter Scheißjob. Elia Benedettini aber erledigte seine Pflicht als Tormann von San Marino mit Würde.

Seinen ersten Abstoß vollführte er nach einer Minute ganz cool, seine erste Mauer stellte er nach drei, einen ersten Ball hielt er nach acht Minuten. Doch falls das die Hoffnung in ihm geweckt haben sollte, dass er zum Helden werden würde, wovon jeder Tormann träumt – die nächsten zwei Schüsse waren drin. Julian Draxlers Schlenzer ins lange Eck und Sandro Wagners Kopfball waren genau und wuchtig. Benedettini durfte sich wenigstens mit der Erkenntnis trösten, dass auch kaum ein anderer Torwart sie gehalten hätte.

Benedettini schenkt Younes sein erstes Tor

Dann täuschte Joshua Kimmich ein Handshake mit einem Gegner an, führte stattdessen einen Freistoß schnell aus und zwei deutsche Stürmer standen vor Benedettini. 3:0, wieder nix zu machen. Deutschlands Torchancen, wird sich der Keeper gedacht haben, waren gar nicht so klar. Es hätten keine drei Tore sein müssen. Als er Mitte der ersten Halbzeit mal einen Ball hielt, war es Abseits. Das Tor hätte also eh nicht gezählt. Einmal forderte das Publikum einen Elfmeter gegen Benedettini, zu Unrecht.

Das 4:0 war dann sein Fehler. Eine Flanke böxelte er zu Amin Younes. Den kennt in Deutschland zwar nur jeder zweite Fan, wenn überhaupt. Nun schoss er aber für die Nationalelf sein erstes Tor. Dann war Halbzeit, bis dahin war es nicht Benedettinis Spiel. Die Ersatzspieler munterten ihn beim Gang in die Kabine mit Schulterklopfern auf.

Den Musikgeschmack der Deutschen hatte er nicht verdient

Vielleicht klagten sie sich auch bloß ihr Leid über Musikprogramm und -geschmack der Deutschen. Die singen gern, wenn sie gewinnen. Die Nummer eins der Welt sind wir, erklang es. O wie ist das schön! ist in der Nationalmannschaft ebenso unsterblich wie Mexiko von den Böhsen Onkelz. Natürlich johlte nach jedem Tor Olli Pocher "schwaaarz und weiß", die Schlaaand-Hymne. Das hatte Benedettini eigentlich nicht verdient.

Doch nach der Halbzeit ging es genauso weiter. 5:0 durch Shkodran Mustafi, das stellen wir uns besonders schmerzhaft vor. Das 6:0 war ein Flugkopfball von Julian Brandt nach exakter Kimmich-Flanke. Kurze Distanz, keine Chance für den Portiere. Der Stadionsprecher konnte bei der Ansage des Ergebnisses erneut leichten Hohn nicht verbergen. Wenigstens konnte Benedettini während des Spiels nicht Twitter verfolgen, sonst hätte er sich vielleicht vom offiziellen Account des Verbands San Marinos auf den Arm genommen fühlen können. "Das erste schöne Tor der Deutschen" stand da, "die fünf davor waren Glück".

San Marino hatte zwar wohl damit gerechnet, zwei Nummern zu klein für Deutschland zu sein. Am Ende waren es eher drei. Die Mannschaft erreichte nie den deutschen Strafraum, der einzige Schuss war ein Versuch aus fünfzig Metern. Das 7:0, der Abschluss, köpfte Wagner an den Innenpfosten und rein. Damit hatte sich Benedettini einen Hattrick aus Hoffenheim eingefangen. Ihm blieb auch nichts erspart.

21 Jahre ist er, Ersatztorhüter von Novara Calcio, italienische zweite Liga. Auf YouTube kann man Szenen von ihm sehen, wo er vor 500 Leuten spielt. Nach Paraden reckt er schon mal die Faust wie zum Torjubel. Auf Instagram zeigt er seine Tattoos und seine weibliche Begleitung. In Nürnberg zeigte er, dass er auch auf dem Spielfeld die üblichen Torwartgesten beherrscht. Er breitete die Arme aus, um dem Schiri Signale des Unverständnisses zu senden. Vor dem Abstoß trat er den Rasen fest, als wäre der uneben, um ein bisschen Zeit zu verplempern.

Tra un allenamento e l altro.. :sunny::evergreen_tree:

A post shared by Elia Benedettini (@elia_benedettini) on

Dann, als das Spiel fast gelaufen war, niemand mehr mit Highlights aus San Marino rechnete, kamen seine großen Szenen. Einer Flanke warf sich Benedettini entgegen und schlug sie, quer in der Luft liegend, aus dem Strafraum. Kurz darauf katapultierte er außerhalb seines Strafraums einen Pass per Scherenschlag weit in die deutsche Hälfte. Beide Male gab es großen Applaus von den deutschen Fans, die ohnehin viel besser drauf waren, als erwartet.

In der Nachspielzeit parierte Benedettini einen Schuss von Kimmich zur Ecke, eine klasse Torwartaktion. Endlich konnte er was zeigen. Dann war Schluss, ihm gehörte die letzte Aktion dieses ungleichen Duells.

Nach dem Abpfiff ging er zu Marc-André ter Stegen, seinem Gegenüber. Kurzer Plausch unter Kollegen. Dann begab sich Benedettini auf die Ehrenrunde zu den san-marinesischen Fans, seine Mitspieler folgten ihm. Während des Spiels hatte sich die Mannschaft ab und zu angemeckert, man hörte es bis zur Tribüne. Nun wirkten die tapferen Recken aus der Republik mit den 33.000 Einwohnern, also ziemlich exakt der Zuschauerzahl von Nürnberg, versöhnlich.

0:7, das klingt viel. Das ist aber auch ein Tor weniger als im vorigen Herbst, beim Heimspiel gegen die Löw-Elf. Da war Benedettini noch die Nummer zwei. Nürnberg war sein erstes Spiel gegen Deutschland. Und hey, hat nicht auch Brasilien sieben Stück bekommen?, wird er sich vielleicht gedacht haben, als er schüchtern, aber stolz ins Publikum winkte. Plötzlich sah es so aus, als wäre der Tormann von San Marino an diesem Abend kein unglücklicher Mensch gewesen.