Es war das Finale am 24. Juni 2016. Valleri klemmt sich, wie ein Kind auf dem Pausenhof, den Ball unter den Arm. Er steht noch am eigenen Netz, oberkörperfrei, hat eine lustige, weit geschnittene Hose an und ist völlig verdreckt. Vor ihm ein Schlachtfeld. Calcianti krümmen sich ineinander verkeilt am Boden, werden verarztet oder liegen sich vor Erschöpfung in den Armen. Das Publikum johlt, Valleri läuft los. In eine Lücke, die nur er sieht. Links, rechts, er täuscht an, fällt fast, springt ab und landet mit dem Ball im Netz. Damit entscheidet er das Spiel, Weiß gewinnt. Florenz feiert Fabrizio.

Seitdem hat er Interviews für das amerikanische Fernsehen und für italienische Zeitungen gegeben. Auf der Straße fragen sie ihn nach Selfies. Seine Frau findet das eher verrückt. "Ich kann das nicht erklären", sagt er und lächelt sie entschuldigend an. Gäbe es bei diesem historischen Fußball einen Ballon d'Or zu vergeben, Fabrizio hätte ihn letzte Saison gewonnen. Dabei ist er schmächtig, wenn er auf der Spielplatzschaukel in Santo Spirito sitzt und erzählt. Er versuche die Schlägereien zu vermeiden, das sei alles, und außerdem müssten die stolzesten Florentiner nicht immer gleich die Stärksten sein. Fabrizio, das wissen viele in Florenz, spielt mit Verstand. Es ist zum taktischen Trick der Weißen geworden, auf einer Seite des Feldes eine Unruhe zu provozieren, um Fabrizio auf der anderen den nötigen Raum zu verschaffen.

Fabrizio Valleri spielt auf dem Platz in der historischen Position des L'Innanzi, des Spielgestalters. Es gibt sechs pro Farbe. Trotzdem bekommt er Schläge ab. Seine Frau kann sich die Spiele nicht ansehen. Niccolò, sein achtjähriger Sohn, möchte aber auch Calciante werden. "Mir ist klar, dass mich die meisten für verrückt halten", sagt Fabrizio und holt weit aus, um über das Irrationale seines Sports zu reden, das historische Erbe, den Heldenstatus der Spieler und darüber, die eigenen Ängste zu überwinden. Dann bricht er ab und schüttelt den Kopf: "Es tut mir leid, aber kein Video und kein Text kann nacherzählen, was da auf der Piazza passiert." Wer einen wirklich originellen Text über seinen Sport schreiben wolle, müsse schon mal nach Galluzzo fahren und mittrainieren. Fabrizio fasst sich an seinen Bart, lacht und meint es vermutlich trotzdem ernst.

Fabrizio Valleri (40) ist eine Legende. Mit seiner Mutter hat Valleri als Kind sein erstes Spiel im Calcio Storico gesehen. Er kommt aus Santo Spirito und betreibt in einer versteckten Straße eine Trattoria und in der ganzen Stadt mehrere Obststände. © Claudio Rizzello

"Denkt demütig, handelt verrückt!"

Nach Galluzzo, südlich von Florenz, fährt der Bus. Man sollte dem Busfahrer allerdings sagen, dass man dort aussteigen möchte, sonst brettert er in die Weinanbaugebiete weiter. Da kann das Lämpchen blinken, wie es will. Vorbei an der kleinen Piazza ohne Kirche, vorbei an einer Sportanlage, die in jeden Florenz-Reiseführer aufgenommen werden sollte.

Nicht wegen der auf dem Kunstrasen tricksenden Nachwuchskicker des AC Galluzzo. Sondern wegen der Spieler aus Santo Spirito, die sich dreimal die Woche dahinter, am weißen Vereinshaus, treffen. Da wären Fabio Russo und Michele Verginelli, die in Italien recht bekannten MMA-Meister, die für das Training aus Rom angereist kommen. Giacomo Peggion, der Sportstudent, dessen Großvater ein echter venezianischer Gondoliere war. Filippo, der Briefträger, Stefano, dem bei einem Spiel der Unterkiefer zertrümmert wurde, und der Anwalt Sebastiani, der mit edler Ledertasche und Nadelstreifenanzug in die Kabine kommt.

Im Umkleideraum hängen Bilder der Erfolge der Weißen, die 2012 nach 31 Jahren erstmals wieder im Calcio Storico gewannen und seitdem die beste Mannschaft stellen. Auf dem gesamten Trainingsgelände stehen in lila Schnörkelschrift Sprüche: "Denkt demütig, handelt verrückt!", "Mut flößt Angst ein!" und "Holen wir sie uns!". Einige haben sich solche Zeilen oder auch die weiße Taube, das Emblem des Vereins, tätowieren lassen. Sie sehen sich als Brüder. Im Sand tun sie sich nach dem Warmlaufen allerdings richtig weh.

Calcio Storico spielt man nicht für Geld. Immer wieder betonen die Spieler, sie spielten für Stolz, und erwähnen dann eine berühmte Partie. Die vom 17. Februar 1530, als die kaiserlichen Truppen von Karl dem Fünften Florenz belagerten und die florentinischen Adeligen als Zeichen ihrer Macht und Unerschrockenheit vor dem Gegner Calcio Storico spielten. 400 Jahre später, im Mai 1930, sorgten die Faschisten dafür, dass der Sport wieder populär wurde. Bis auf die Kriegsjahre wird seitdem jedes Jahr gespielt. Für Florenz. Noch heute muss jeder Calciante einen Mitgliedsschein mit dem Satz unterschreiben: "Erinnere dich daran, dass du für Florenz spielst." Vor dem Spiel, während des Straßenumzugs, rufen alle Farben gemeinsam "Viva Fiorenza!"

Den Sport in die Welt tragen

Der Mann, der sich um die Feier am 24. Juni kümmert, ist Andrea Vannucci. "Ich bin verliebt in dieses Spiel", sagt der für Sport und Volkstraditionen zuständige Abgeordnete. Sein Büro liegt gegenüber von der Kirche, direkt an der Piazza Santa Croce. Von hier aus hat er die Vorschläge erarbeitet, die im März 2017 Schlagzeilen machten. Vannucci will Merchandisingprodukte der Farben verkaufen: Trikots, Fahnen, Schals. Er will ein schöneres Stadion, teure Ticketpakete für Touristen und den Sport international bekannt machen. Im April liefen die zum Calcio Storico gehörenden Fahnenträger durch New York, Mitte Mai fand ein nicht ganz ernst gemeintes Vorführspiel aller Farben in Marseille statt. Weitere Städte sollen folgen. Vannucci ist sich sehr sicher, dass sein Plan aufgeht. Er habe Anfragen aus aller Welt.

"Calcio Storico verändert sich gerade", sagt der 34-jährige Politiker. Es gehe jedoch nicht darum, den Sport zu kommerzialisieren: "Wir müssen Ressourcen finden, die das Spiel natürlich wachsen lassen." Florenz verkaufe den Sport auch nicht, denn weiterhin gilt: Florence first! Je Farbe dürfen auch nach den neuen Regeln nur zwei Calcianti nicht gebürtige Florentiner sein oder nicht in Florenz wohnen. Der Ticketverkauf erfolgt erst in Florenz und für Florentiner, dann, drei Tage später, online. Vannucci, der nicht verraten möchte, mit welchem Viertel er sympathisiert, verhandelt mit dem öffentlichen Fernsehsender Rai. Eine Liveübertragung ist bisher auch wegen der brutalen Bilder im Nachmittagsprogramm nicht möglich gewesen. Er schaut aus dem Fenster auf die Piazza mit der großen Dante-Statue und sagt: "Alle Farben sind sich einig, dass Calcio Storico der schönste Sport der Welt ist, warum soll Florenz das verheimlichen?"