Wie lange es gedauert hat, bis er aus dem Wagen war. Das ist das Erste, woran ich denken muss. Längst schon war die Tür der dunklen Limousine offen, längst standen alle anderen auf dem Pflaster des Parkplatzes, der Fahrer, die Bodyguards, sein alter Fotograf. Und wir alle da hinter der Absperrung. 100 Leute, vielleicht 150. Wir balancierten auf den Zehenspitzen, um besser sehen zu können, drängten uns dicht an dicht. Niemand sprach.

Dann, endlich, ein Fuß, ein dunkler Halbschuh, und dann, kurz darauf, noch ein zweiter. Ich konnte sie unter der offenen Tür sehen, sie schienen sich vorzutasten, den Boden erspüren zu wollen, bevor sie ihm vertrauten. Die Leute raunten, flüsterten, versuchten, den besten Blick zu bekommen. Und dann ein Klatschen, Applaus, da stand er nun wirklich vor uns, Muhammad Ali, der größte Boxer aller Zeiten, in Hemd und schwarzer Hose, den Rücken gebeugt, die Schultern zusammengezogen, ein Bündel Ein-Dollar-Noten in der Hand für die geduldigen Germans da hinter dem Gitterzaun.

Er war tatsächlich gekommen, ein heißer Sommertag vor 15 Jahren, Ali in Riesa, The Greatest in der sächsischen Provinz. In der neuen, schicken Mehrzweckhalle nebenan sollte die Deutschland-Premiere seines Kinofilms stattfinden. Ali, so hieß der Streifen, Will Smith spielte die Hauptrolle, aber, sorry, wen interessierte Will Smith? Vor uns stand das Original, ein stummer Zeuge seiner Größe, mühselig und langsam jede Bewegung, das Gesicht eine dunkle Maske, ein Mensch gefangen im Panzer der Parkinson-Krankheit. Der alte Kämpfer in Zeitlupe.

Ali, unser kranker Held.

Es trieb einem die Tränen in die Augen.

Ich sah ihn vor mir als jungen Mann, die flackernden Schwarz-Weiß-Bilder auf der Videokassette, die mein Vater damals von der Tankstelle mitgebracht hatte, Box-Champions, Folge 1: Muhammad Ali. Ich sah ihn da im Ring stehen im Jahr 1964 mit Sonny Liston, dem Weltmeister, einem grimmigen Killer mit zwei Fäusten wie Vorschlaghämmer. Und Ali lachte ihm ins Gesicht und fing an zu tanzen. Federte auf den Fußballen, war überall und nirgendwo, duckte sich, tauchte wieder auf, tupfte Liston seine Geraden ins Gesicht, schwebte durch den Ring und ließ den anderen aussehen wie den dicken, hässlichen Bären, als den er ihn schon vorher verlacht hatte. Irgendwann blieb Liston nach der Pause auf seinem Hocker sitzen, stand einfach nicht mehr auf. Ein tapsiger Grizzly mit dumpfem Blick. I shook up the world, brüllte Ali hinunter in die Pressereihen, I MUST be the Greatest!

Ein Kampf nur, und er hatte mich. Großer, wunderbarer, tanzender Ali. Er hat alles so leicht aussehen lassen, so mühelos. Alle wollten Teil davon sein. All die Stars und das Glitzern. Der Existenzkampf als Happening. Boxen als Ballett.

Aber natürlich ist das ganz falsch, ein gefährlicher Irrtum. Nichts ist mühelos in diesem Leben. Nichts, was Bedeutung hat, ist irgendwem jemals leicht gefallen. Noch der letzte von uns konnte sich ja davon überzeugen, da in der späten Nachmittagssonne vor der Halle in Riesa. Ich sah den müden Ali inmitten seiner Entourage, wie er sich, Schritt für Schritt, auf den Weg nach drinnen machte. Sie hatten einen Teppich ausgelegt und seine Leute schirmten ihn ab nach allen Seiten, es wäre nicht nötig gewesen. Die Menschen hielten von selber Abstand, seltsam still, fast ehrfürchtig liefen sie ein Stück neben ihm her oder ließen ihn stumm passieren. Ein paar machten Fotos und winkten ihm zu, einige riefen seinen Namen, alles aber geschah aus einer gewissen Distanz. Als wollte keiner seine Aura stören.