Natürlich stand der NBA-Champion 2017 erst mit der Schlusssirene des fünften Finalspiels am frühen Dienstagmorgen deutscher Zeit fest; praktisch war diese Entscheidung aber bereits vor 344 Tagen gefallen – mit einem beispiellosen Spielerwechsel. Denn um gegen LeBron James, den besten Spieler der Welt, zu gewinnen, haben sich vor knapp einem Jahr einfach der zweit- und der drittbeste zusammengetan. Zum kleinen Dribbelkünstler und Distanzwurf-Halbgott Steph Curry, der im Training schon mal 77 Drei-Punkte-Würfe in Folge trifft, stieß Kevin Durant – wegen seiner Kombination aus Körpergröße und Wurfstärke oft verglichen mit Dirk Nowitzki, aber im Gegensatz zu diesem auch ein Top-Verteidiger. So wurden die Golden State Warriors unbesiegbar.

Entsprechend lächerlich war die Botschaft, die am vergangenen Donnerstag J. R. Smith vom Finalgegner der Cleveland Cavaliers twitterte. "Cavs in 7.", proklamierte der für bizarre Aktionen auf und abseits des Platzes berüchtigte Mann, nachdem Golden State in der Finalserie mit 3:0 Spielen in Führung gegangen war. Sinngemäß: "Wir gewinnen die nächsten vier Partien und werden so doch noch Meister." Minuten später löschte er den Tweet wieder – angeblich, weil ihn jemand anders geschrieben hatte, während er selbst unter der Dusche stand, ein Hacker.

Tatsächlich wird Smith schlicht das ganze Ausmaß der Lage bewusst geworden sein. Zu diesem Zeitpunkt war nämlich nur noch eine einzige Frage offen: Würden die Warriors überhaupt ein Playoff-Spiel verlieren oder sich den Titel glatt in 16:0 Spielen sichern, als erste Mannschaft aller Zeiten? Diese maximale Demütigung verhinderten die Cavaliers mit einem verdienten Sieg in Spiel vier. Den zweiten Matchball aber ließen sich die Warriors nicht nehmen. Der Endstand des fünften und letzten Spiels von 129:120 spiegelt nicht adäquat wieder, wie leicht es ihnen fiel. Und das, obwohl Cleveland stark spielte und selbst der gehackte Twitterer J. R. Smith sieben seiner acht irrwitzigen Dreier traf.

Totengräber einer ganzen Sportart

Die Warriors hatten sich 2015 mit unbekümmerter, ungezügelter Offensive in die Herzen vieler Fans gespielt, den Titel geholt und die statistisch beste Saison aller Zeiten nachgelegt: Durch die reguläre Spielzeit pflügten sie mit vormals für unmöglich gehaltenen 73 Siegen in 82 Spielen. Für die Titelverteidigung reichte es ein Jahr später am Ende trotzdem nicht. LeBron James erzwang für seine gebeutelte Heimatstadt Cleveland nach 1:3-Rückstand sensationell ein siebtes Spiel und gewann es auch. 

Doch das könnte ein Pyrrhussieg gewesen sein, der Anfang vom Ende einer goldenen Ära der NBA, der Beginn der großen Langeweile. Die Warriors reagierten nämlich mit Kevin Durant. Er kam und anders als von neutralen Fans erhofft, fügte sich Durant nahtlos ein. Mühelos dominierte er nun die Endspiele, nahm und traf die wichtigsten Würfe, sammelte mehr als 35 Punkte im Schnitt bei extrem guten Trefferquoten und wurde als wertvollster Spieler der Finalserie ausgezeichnet.

Doch kaum jemand freut sich mit ihm und dem Lieblingsteam der Neureichen aus dem nahen Silicon Valley. Im Gegenteil: Als feige Flucht zum übermächtigen Feind wurde und wird Durants Wechsel zum potenten Primus der Liga von Fans und Journalisten empfunden, als unfaire Abkürzung des Wegs zum Erfolg, ja, als Unsportlichkeit. Durants Image änderte sich um 180 Grad. Der ewige nice guy, der 2014 bei seiner Auszeichnung zum wertvollsten Spieler unter Tränen hervorgebracht hatte, seine Mutter sei der "wahre MVP", gilt nun als Totengräber einer ganzen Sportart. Die Warriors, so der Konsens, werden auf Jahre hinaus unbesiegbar sein, anstelle von Gegnern nur Opfer kennen. Alle aus der Halle schießen. Aufreizend bequem von der Drei-Punkte-Linie aus, anstatt dorthin zu gehen, wo es weh tut, unter den Korb nämlich.