ZEIT ONLINE: Herr Ustian, Sie haben vor drei Jahren in Moskau eine Faninitiative gegen Diskriminierung gegründet. Warum?

Robert Ustian: Mein Verein ist ZSKA, ich liebe ihn, seinetwegen zog ich nach meinem Studium in Ankara nach Moskau zurück. Im September 2014 spielte ZSKA beim AS Rom in der Champions League. Ein Teil unserer Fans schlug sich vor dem Spiel mit der Polizei, im Stadion warfen einige Pyrotechnik in den Block der Heimfans, andere zeigten Symbole der Waffen-SS. Sie benahmen sich nicht zum ersten Mal daneben. Ich war nicht dabei, sah es aber im Fernsehen. Weil ich mich schämte, schrieb ich einen empörten Beitrag im Internet und fragte: "Wer außer mir hat noch davon die Nase voll?" Ich erhielt sehr viele zustimmende Antworten von anderen ZSKA-Fans, in diesem Moment war die Initiative geboren.

ZEIT ONLINE: Sie wenden sich gegen Rassismus. In Russland spielen inzwischen einige schwarze Fußballer. Oft beklagen sie sich über rassistisches Verhalten der Fans, etwa der Ghanaer Emmanuel Frimpong, damals beim FK Ufa, oder der Brasilianer Hulk, früher Profi von Zenit Sankt Petersburg.

Ustian: Sie werden oft beleidigt, bekommen aus der Kurve des Gegners Affenlaute und ähnliches zu hören. Primitiver geht es nicht, es ist eine Schande. Trifft hingegen ein Afrikaner für das eigene Team, wird er bejubelt.

ZEIT ONLINE: Das Problem gab es in Deutschland in den Achtzigern und frühen Neunzigern auch.

Ustian: Ich weiß. Ich kenne viele Fans und Fangruppen aus Deutschland. Ihr habt das Problem in den Griff bekommen, das wollen wir auch.

ZEIT ONLINE: Es gibt aber auch aktuell in Deutschland noch Fan-Konflikte politischer Art. Fans, die sich gegen Diskriminierung positionierten, wurden von anderen Fans desselben Vereins gemobbt, bisweilen verprügelt, etwa in Aachen, Duisburg und Braunschweig.

Ustian: Ich kenne die Fälle, aber das ist kein Vergleich mit Russland. Deutschland hat eine wunderbare Fankultur, der Stadionbesuch zum Beispiel bei Union Berlin ist ein großartiges Erlebnis. Ich war auch schon in Babelsberg, Leverkusen und Köln.

ZEIT ONLINE: Es geht Ihnen nicht nur um Rassismus, sondern auch Faschismus. Immer wieder tauchen Nazi- und SS-Symbole in russischen Stadien auf. Die Fans von Spartak Moskau feierten vor einigen Jahren Hitlers Geburtstag. Dabei starben in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg mindestens 27 Millionen Menschen. ZSKA steht für: Zentraler Sportklub der Roten Armee. Wie passt das zusammen?

Ustian: Das kann ich auch nicht rational erklären. Die gleichen Leute feiern nämlich auch ihre Großväter, die im Krieg für das Vaterland fielen. Daran sieht man, wie schizophren diese Szene ist.

ZEIT ONLINE: Beim Confederations Cup machen russische Zuschauer Fotos mit Fans aus Chile und Kamerun, die Stimmung in den Stadien ist heiter. Wie kommt das?

Ustian: Russland ist kein rassistisches oder feindseliges Land. Wir haben bloß ein großes Problem mit den Hardcore-Fans. In fast allen Vereinen der Ersten Liga, FK Krasnodar ausgenommen, dominieren rechte und rechtsextreme Gruppen. Bei ZSKA besteht der ganz harte Kern aus vielleicht 200 Leuten. Die Mehrheit dagegen ist friedliebend. Aber wie schrieb Tolstoi in Krieg und Frieden? Es gibt wesentlich mehr gute Menschen, aber die schlechten sind besser organisiert.

ZEIT ONLINE: Sie haben ein Programm entworfen, es orientiert sich an Fanprojekten in anderen Ländern, etwa Deutschland. Wie reagiert die offizielle Seite?

Ustian: Ich wünsche mir, mit Blick auf die jüngere Generation, Erziehung statt Repression. Das dauert, ist aber moderner und effektiver. Die meisten Funktionäre und Politiker können oder wollen das Thema nicht sehen. Der Sportminister Witali Mutko zum Beispiel sagt: "Es gibt keinen Rassismus." Als ließe sich das Problem auf diese Art totschweigen. Auch die Vereine wollen es am liebsten verstecken. Allerdings bessert es sich allmählich. Der ZSKA-Keeper Igor Akinfejew, Kapitän der Nationalelf, hat sich in einem Videoclip gegen Rassismus positioniert. Russlands Fußballverband hat seit diesem Jahr einen Beauftragten für den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung: Alexei Smertin, er spielte einst für Chelsea. Ich habe einen guten Eindruck von ihm.