Bernd Schröder hält einen Rekord. 45 Jahre lang war er Trainer ein- und desselben Vereins, der Frauenfußballerinnen von Turbine Potsdam. Von 1971 bis 2016 wurde er mit der Mannschaft sechsmal DDR-Meister und sechsmal Deutscher Meister. In diesem Jahr erhielt er vom DFB als siebter deutscher Trainer den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Am Samstag wird er 75 Jahre alt, in diesen Tagen erscheint auch seine Biografie.

ZEIT ONLINE: Herr Schröder, Sie sagten einmal, ihr größtes Vorbild sei Alex Ferguson. Warum?

Bernd Schröder: Wir sind der gleiche Jahrgang, wir sind beide fast 50 Jahre verheiratet, wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen. Er hat auch mal einen Schuh nach David Beckham geschmissen. Wir sind uns da ein bisschen ähnlich.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch mit Schuhen geschmissen?

Schröder: Nein, aber ich habe Leute am Kragen gepackt. Ich habe immer gesagt, ich höre erst auf, wenn Alex aufhört. Der war 28 Jahre bei Manchester United. Er hat vor zwei Jahren aufgehört, aber den Fehler gemacht, ständig weiter ins Stadion zu gehen. Die haben ihm auch eine Statue vors Stadion gestellt und er hat sich überall reingehangen. Entsprechend schwer hatten es seine Nachfolger.

ZEIT ONLINE: Wann steht die Bernd-Schröder-Statue hier in Potsdam?

Schröder: Auf die Idee kommt bestimmt bald jemand. Aber deshalb bin ich jetzt ein Jahr nicht ins Stadion gegangen. Wenn ich das gemacht hätte, hätten sich alle nur auf mich konzentriert. Das wollte ich nicht. Und ich mag diesen Rummel um Personen nicht.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie eine Autobiografie geschrieben?

Schröder: Ich wollte eigentlich über 45 Jahre Frauenfußball schreiben. Aber die Leute vom Verlag haben gesagt, es ist besser, wenn eine Biografie draus wird.

ZEIT ONLINE: So ein Buch ist ein guter Anlass, um zu reflektieren. Was haben Sie gedacht, als Sie auf Ihr Leben zurückgeblickt haben?

Schröder: Ich stelle mir die Frage, ob es der Aufwand und das Engagement wert war. Es gibt in dem Buch eine Liste mit allen 24 Orden und Ehrenzeichen, die ich  bekommen habe. Aber irgendetwas bleibt immer auf der Strecke. Ich habe 70 Stunden die Woche gearbeitet, meine Frau konnte deshalb nur halbtags arbeiten und hat meine Kinder alleine erzogen. Ich war nicht oft da, deswegen konnten wir nicht oft streiten.

ZEIT ONLINE: Sie haben 45 Jahre beim selben Verein gearbeitet. Warum ?

Schröder: Ich habe Montanwissenschaften studiert, also Berg- und Hüttenwesen. Ich war auch mal unter Tage, nicht zum Arbeiten, aber um mir das im Studium mal anzuschauen. Wenn Sie 1.200 Meter unter Tage sind, werden Sie geerdet. Da wissen Sie, was Verantwortung ist. Da können Sie, wenn es knistert, nicht einfach sagen, jetzt haue ich ab. Das ist auch eine Charakterfrage.

ZEIT ONLINE: Sie hatten doch sicher Angebote.

Schröder: Ja, auch jetzt noch. Ich habe aus China ein Angebot, da würden Sie umfallen. Das kann ich Ihnen gar nicht erzählen.

ZEIT ONLINE: Sie hätten anderswo sicher mehr Geld verdienen können.

Schröder: Was heißt mehr Geld? Überhaupt Geld. Ich habe bis zum Schluss ehrenamtlich bei Turbine gearbeitet.

ZEIT ONLINE: Wie bitte?

Schröder: Ja. Irgendwann saß ich dann bei Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, der mir sagte, ich solle jetzt bitte schön mal anfangen, Geld zu nehmen. Da habe ich gesagt: "Nach 40 Jahren mache ich das auch nicht mehr." Ich war mal bei der Weltfußballerwahl in Zürich, rund um mich herum die besten Trainer und Fußballer der Welt, Mourinho und del Bosque und Messi und Ronaldo. Wenn ich denen erzählt hätte, dass ich ehrenamtlich arbeite, hätten die mir gesagt, dass ich eine Scheibe habe.

ZEIT ONLINE: Wovon haben Sie gelebt?

Schröder: Von meinem Gehalt aus dem Job. Ich habe ja, bis ich 60 war, als Abteilungsleiter bei einem Energieversorger gearbeitet. Da verdient man nicht schlecht. Danach bekam ich Rente. Die war jetzt nicht so enorm, aber das ging schon.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Schröder: Ich rede nie über Geld, aber wenn Sie keines haben, haben Sie ein Problem. Wir haben 42 Jahre im Plattenbau gewohnt. Das war damals, als wir eingezogen waren, etwas Besonderes. Wir hatten eine 2,5-Zimmer-Wohnung für 400 Euro, bis noch vor zwei Jahren. Wann immer ich mich von prominenteren Leuten nach Hause fahren ließ, konnten die nicht glauben, dass ich dort wirklich aussteige. Die dachten, ich wollte sie verarschen. Man kann sich aber auch im Plattenbau wunderbar einrichten.

ZEIT ONLINE: Und heute?

Schröder: Irgendwann musste das Gebäude saniert werden. Da haben wir etwas Neues probiert. Jetzt sind wir in eine Wohnung gezogen mit einem Zimmer weniger, gleich vielen Quadratmetern und zahlen das Doppelte an Miete. Dafür haben wir Parkett und Fußbodenheizung.