Willkommen zu Hause. Jeden Morgen biegt Boris Becker in diesen Tagen mit diesem wohligen Gefühl in die Church Road ein, stellt seinen Wagen auf dem Parkplatz Nummer drei ab, der für Club-Mitglieder und VIPs reserviert ist. Dann überquert er die schmale Straße, in einem Anzug, der so hell ist wie seine Haare, und mit seinem wuchtigen und unrunden Gang, der schon beim Zuschauen wehtut. Fast unbemerkt betritt er den All England Club, durch einen Hintereingang am Gate Nummer 16. Ein kurzes Nicken und "Hello" zur Torwache, niemand behelligt ihn. Und dann ist er da, hinter den altehrwürdigen Clubmauern, in denen man die Tennishistorie förmlich atmen kann. In seinem persönlichen La La Land. Hierhin, in seine Traumwelt, kann er sich für ein paar Stunden flüchten vor der kalten Realität da draußen. Hier ist er nicht Boris Becker, der wohl wieder einmal gestrauchelte Geschäftsmann. Hier ist er Boris Becker, die Tennislegende.

"Alles, was ich habe, und alles, was ich bin, ist wegen dieses Platzes", sagt Becker über den Centre Court von Wimbledon: "Dieser Ort ist mein Zuhause geworden." Und so ist Becker zurück im Schoße der BBC-Familie, nach dreijähriger Abstinenz, während der er als Trainer von Novak Đoković arbeitete. Der britische Haus- und Hofberichterstatter in Wimbledon lässt es sich ein kleines Vermögen kosten, um die Garde ehemaliger Champions als Kommentatoren für die beiden Turnierwochen zu verpflichten. Die genaue Summe ist ein Staatsgeheimnis, aber gemunkelt wird über sechsstellige Beträge, die Höhe variiert individuell.

Da sind allen voran Größen wie John McEnroe, Martina Navrátilová, Tracy Austin, Kim Clijsters und Tim Henman, die vor den Spielen wechselnd mit Moderatorin Sue Barker locker plaudern und sich dann zu dritt in die winzige Kommentatorenbox am Rande des Centre Court zwängen. Becker ist wieder mittendrin, wirkt gelöst und putzmunter, und warum auch nicht? Im La La Land braucht er keine unangenehmen Fragen zu fürchten. Sue Barker löchert ihn gewiss nicht, ob er seine Villa im Wimbledon Village bald räumen muss. Stattdessen fragt sie nur, wie er die Form von Đoković einschätzt und ob Andy Murray wohl fit genug für die Titelverteidigung ist. Nicht einmal der bissige John McEnroe führt ihn mit seinen berüchtigten Seitenhieben live im Fernsehen vor. Stattdessen scherzt der Amerikaner nur, wie sehr er es immer hasste, gegen Becker zu spielen. "Dieser Kerl gab einfach nicht auf!"

Geschichten erzählen konnte Becker schon immer am besten

Haha, kräftiges Schultertätscheln. Es ist wirklich himmlisch hier. Und dann plaudert man angeregt über früher. Das konnte Becker schließlich immer am besten: Geschichten von früher erzählen. Mit einer fast kindlichen Begeisterung, sogar mit Händen und Füßen nachgespielt und das in oft lustigem Englisch. Und dafür lieben sie ihn auf der Insel auch 32 Jahre nach seinem ersten von drei Wimbledon-Siegen noch immer.

"Für die Briten ist Becker weiterhin der 17-jährige Junge, der mit seinem Charme Wimbledon erobert hat", sagt Danielle Rossingh vom Magazin Forbes, "er ist sehr populär mit seiner Art, aber was sonst bei Becker passiert, bekommen sie gar nicht so mit." Tennis findet in England eben nur während Wimbledon auf den Titelseiten statt, den Rest des Jahres läuft es nur nebenher auf den Rückseiten der Zeitungen. Außer natürlich, Murray gewinnt irgendwo einen großen Titel.

Als wolle er gar nicht mehr nach Hause gehen

Dass Becker vor zwei Wochen von einem Londoner Gericht für bankrott erklärt wurde, war zwar eine große Schlagzeile in den Blättern. Aber seither gab es auf der Insel abseits des Boulevards keinerlei Nachfolgeberichte mehr. Und die Londoner Einwohner kratzt so eine Meldung ohnehin wenig, sie haben schon ganz andere prominente Finanzpleiten miterlebt. Das weiß Becker seit Jahren zu schätzen. "Hier sehen mich die Leute, grüßen freundlich und machen keine große Sache draus. Das gefällt mir." Von den Deutschen hatte er sich dagegen immer missverstanden und zu wenig gewürdigt gefühlt.

Jegliche Interviewanfragen verweigert er derweil konsequent. Nur in seiner täglichen Kolumne im Evening Standard meldet sich Becker zu Wort, natürlich geht es nur um Tennis. Oft ist Becker bis zum späten Abend für die BBC im Einsatz, fasst in der Highlight-Show noch einmal gut gelaunt das Beste vom Tage als Experte zusammen. Und irgendwie wirkt es so, als wolle Becker gar nicht nach Hause gehen.