Die zwei Schaufensterpuppen sind nicht zu übersehen. An einer schwarzen Wand stehen die Figuren in den Trikots, in denen die deutschen Frauen bei dieser Fußball-EM auflaufen. Auf dem Rücken die Nummer zehn und darüber in Großbuchstaben: MAROZSAN. Wer das erste Mal das Presseareal im De Ruwenberg, dem durchaus noblen Mannschaftshotel in der wohlhabenden Gemeinde Sint-Michielsgestel betritt, kommt an Dzsenifer Marozsán also nicht vorbei.

Dass den Mannequins der Kopf fehlt, ist bei solchen Ausstellungsstücken üblich. Soll aber kein Sinnbild sein. Die gerade mit klarer Mehrheit von den Sportjournalisten zu Deutschlands Fußballerin des Jahres gewählte Marozsán soll Kopf und Herz dieser runderneuerten Mannschaft sein. Und als nach dem 2:0-Sieg gegen Russland und dem Vorstoß ins EM-Viertelfinale gegen Dänemark (Samstag 20.45 Uhr/ZDF und Eurosport) die Frage aufkam, warum denn die Kapitänin noch nicht in Form sei, reagierte Steffi Jones mit einem Schutzreflex. "Das sehe ich anders. Sie hat eben einen besonderen Anspruch, will immer etwas Besonderes und spielt nicht den einfachen Pass. Sie hat aber alles gegeben", sagte die Bundestrainerin.

Dzsenifer Marozsán ist Leitfigur und Spielmacherin, Taktgeberin und Torschützin. Auf ihr lastet viel Verantwortung. So viel wie nie zuvor. Es gibt Spielerinnen wie die Newcomerin Linda Dallmann, die auf der ersten Pressekonferenz in den Niederlanden bekannten, dass sie sich anfangs gar nicht getraut hätten, Marozsán überhaupt anzusprechen – so groß war der Respekt vor den fußballerischen Fähigkeiten. Inzwischen erzählt die 22 Jahre junge Neu-Nationalspielerin, sie würde mit ihrem Vorbild zusammen das Fifa-Computerspiel spielen. Gequatscht wird auch, aber Dallmann sagt immer noch: "Am liebsten kommuniziere ich mit Maro auf dem Platz, wenn der Ball im Spiel ist. Da verstehen wir uns am besten."

Ideen, auf die keiner eingeht

Die in Budapest geborene Technikerin, seit dieser Saison beim französischen Spitzenverein und Triple-Sieger Olympique Lyon unter Vertrag, ist die beste deutsche Fußballerin. Ballbehandlung, Schusstechnik, Spielverständnis. Aber noch entfaltet sie ihr Potenzial bei dieser EM gegen tief stehende Gegner nicht wirklich. Sie spielt Bälle in Räume, die unbesetzt sind. Sie hat Ideen, auf die keiner eingeht. Vergangenen Dienstag gegen Russland im nur zu einem Viertel gefüllten Stadion Galgenwaard von Utrecht schüttelte sie häufiger den Kopf. Ihre Erklärung später: "Ich habe etwas müde gewirkt – ich habe mich auch ein bisschen müde gefühlt. Es hat die Konzentration gefehlt, das hat mich geärgert. Ich hatte sehr viele Ballkontakte, da kann auch ein Fehler passieren – aber das war einfach zu häufig." Sie widersprach der These aus der Bild am Sonntag, auf ihre laste zu viel Druck. "Marozsan kommt noch nicht klar", hieß es da.

Alle versuchen zu helfen. Ihr Berater Dietmar Ness, einer der international am besten vernetzten deutschen Spielerberater im Frauenfußball, lässt sie weitgehend in Ruhe. Der Sportartikelkonzern Puma hat eine Kampagne laufen, bei der Ada Hegerberg, Eugénie Le Sommer und eben Marozsán die Protagonisten sind. Die Norwegerin ist schon wieder zu Hause, die Französin wäre beinahe abgereist – insofern hat es die Deutsche doch am besten. Und sie hat unbemerkt in ihrer neuen Wahlheimat Lyon noch andere Fortschritte gemacht: Auf Pressekonferenzen parliert sie mittlerweile selbstverständlich auf Englisch. Vor Jahren hätte ihr das kaum jemand zugetraut.

Ihre Eltern, Vater János und Mutter Elisabeth, hatten sich für die ersten EM-Gruppenspiele in einem Hotel in der Nähe des deutschen Quartiers eingebucht, um vor allem die "kleine Prinzessin" zu ihrer Tochter zu bringen. So nennt sich der Rehpinscher, der ihr großer Liebling ist und den sie an freien Nachmittagen am Teamhotel ausführte. Die Familie, zu der noch Bruder David gehört, ist eng miteinander verbunden. Ganz eng sogar. "Die Familie ist ihr heilig", sagt Ness.