Alle Münchner, Dortmunder oder Hamburger werden es nicht gerne hören, aber es spricht einiges dafür, dass nicht ihre Stadt die Fußballhauptstadt Deutschlands ist, sondern: Leipzig. Allein Tradition und Geschichte beeindrucken. In Leipzig wurde 1900 der DFB gegründet, dort war auch der erste deutsche Fußballmeister zu Hause, der VfB Leipzig, 1903. In Leipzig stand auch das lange größte Fußballstadion und zum Derby 1956 zwischen Rotation und Lok kamen 100.000 Zuschauer. Eine Marke, an die bis heute kein Club herankam, weder in Ost noch in West.

Doch auch in der Gegenwart könnte es düsterer aussehen. Aus Leipzig kommt mit RB nicht nur der derzeit zweitbeste und umstrittenste Club des Landes. Auch die Nachfolgevereine der Traditionsteams spielen mittlerweile wieder in der Regionalliga Nordost, der Vierten Liga also. Am Samstag treffen sie dort erstmals aufeinander. 61 Jahre nach dem 100.000-Zuschauer-Spiel werden zwar ein paar weniger Menschen erwartet, für die Stadt aber ist dieses Duell dennoch wichtig. "Es ist das größte Derby im Osten", sagt der Lok-Trainer Heiko Scholz. Er selbst hat für beide Vereine gespielt, wechselte einst von Chemie zu Lok, später wurde er Bundesligaspieler bei Leverkusen und Bremen.

Diese Saison soll der Beginn einer friedlichen Rivalität werden. Nur die Fans beider Vereine mögen sich nicht. Dabei eint beide Clubs mehr, als sie trennt: Eine große Vergangenheit, der Bankrott und ein Neuanfang von ganz unten, wie ihn sich jeder Fußballromantiker erträumt.

Im November 2016 trafen beide Teams im Sachsenpokal schon einmal aufeinander. Lok gewann 1:0 nach Verlängerung.

Die Rivalität reicht weit zurück. Anfang der sechziger Jahre reformierte die DDR-Führung den Fußball. Die besten Spieler wurden beim BFC Dynamo in Berlin zusammengezogen, in Leipzig wurden viele gute Spieler zu Lokomotive in den Stadtteil Probstheida delegiert. Die übrig gebliebenen Kicker wurden mit der BSG Chemie im ersten Jahr direkt Meister der DDR-Oberliga. Sie wurden nur "Der Rest von Leipzig" genannt.

So festigten sich die Fronten. Lok Leipzig im Osten der Stadt, der konservative Stadtprimus, vierfacher FDGB-Pokalsieger und Finalist im Europapokal der Pokalsieger. Die BSG Chemie im Westen, der Underdog, der sich in seiner Rolle aber auch ganz wohl fühlte. 

Beide fingen noch einmal in der 3. Kreisklasse an

Nach der Wende ging viel kaputt. Als VfB (Lok) und Sachsen Leipzig (Chemie) wollten beide Vereine in die gesamtdeutsche Bundesliga. Der VfB schaffte das für ein paar Jahre, stieg dann aber als Tabellenletzter ab. 2004 ging er in die Insolvenz. Sachsen Leipzig schaffte es nie in den Profifußball und durchlief gleich drei Insolvenzverfahren. Es galt der typische Ostfußballspruch: Es war entweder Geld da oder sportliche Kompetenz, aber nie beides.

So gründeten Fans später ihre jeweiligen Stammclubs unter den traditionellen Namen neu. 2004 startete Lok in der untersten Spielklasse, der dritten Kreisklasse. 2008 fing Chemie dort an. Beide Clubs stiegen seitdem regelmäßig auf. Lok hatte einen zeitlichen Vorsprung, schaffte es bis in die Regionalliga, galt deshalb lange als zweite Kraft hinter RB. Doch im Sommer stieg auch die BSG Chemie wieder in die Vierte Liga auf. Zwei Derbys pro Jahr sind somit erst mal garantiert.

Doch so ähnlich die Rückkehr der Clubs war, so unterschiedlich tickten ihre Fans. Lok zog viele rechte Fans an, Chemie viele linke. Zu den Initiatoren des Lok-Neuanfangs gehörte etwa auch ein NPD-Mitglied. Unter seiner Führung etablierte sich bei Lok ein rechtes Fanlager. Es war die Zeit, in der Fans ein Hakenkreuz im Block formten, für Spielabbrüche sorgten, Hitlergrüße zeigten und Polizeiautos in Brand setzten.