Wer in René Marićs Sprache darüber schreiben müsste, wie René Marić Trainer wurde, würde es vielleicht so formulieren: "Er hat die Halbräume ausgenutzt, fluide die Positionen gewechselt und situativ die Entscheidungen getroffen, mit denen er sich nach vorne schieben konnte." Spleenige Formulierungen seien sein ABC, so schreibt Marić über Fußballspiele als einer der Autoren des Blogs Spielverlagerung. In etwas ungelenker Taktiksprache, die ihn nun aber zu seinem neuen Job verhalf. Marić ist seit Juni Co-Trainer von Red Bull Salzburg. Auch, weil er über Taktik schreibt.

Man tritt Marić sicher nicht zu nahe, wenn man ihn als Taktikverrückten bezeichnet. Für seinen bisher letzten Artikel im Dezember 2016 sezierte er in 30.000 Zeichen das Europapokalfinale Feyenoord Rotterdam gegen Celtic Glasgow von 1970. Einmal schrieb er unter dem Titel "Das Beste Spiel aller Zeiten" über das südamerikanische Duell Palestino gegen Nacional.

Man muss kein Spieler gewesen sein, um ein guter Trainer zu sein

Spielverlagerung ist Stoff für Liebhaber, andere würden Nerds sagen. Die Lesedauer der Texte übersteigt gelegentlich die Dauer eines Spiels. In der Fußballszene aber haben sich die Autoren einen Namen gemacht. Spielverlagerung.de wurde 2011 gegründet. Seitdem analysieren die Autoren dort Spiele unter taktischen Gesichtspunkten, geben vor großen Turnieren Einschätzungen zu allen Teams ab und verwandelten innerhalb weniger Jahre ihren Blog zu einer eigenen Marke mit eigener Sprache. Manche Artikel haben laut einem der Gründer, Tobias Escher, mehr als 100.000 Zugriffe. Auch das ZDF, Thomas Tuchel und Roger Schmidt haben mit den Bloggern schon zusammengearbeitet.

Marićs Aufstieg zum Co-Trainer der Salzburger Profis wertet eine Nische auf. Dass nun manche schreiben, er sei vom Blogger zum Trainer geworden, ist nur die halbe Wahrheit: "Erst war ich Trainer, dann Blogger, nicht andersrum", sagt Marić. Er trainierte den Amateurclub TSU Handenberg im österreichischen Innviertel, seine einzige Station vor RB Salzburg. Als Berater berechnete er für Brentford FC und den FC Midtjylland Statistiken, um Transfers vorzubereiten. Beide Clubs arbeiten mit mathematischen Modellen

Andere Clubs ließen ihn Spieler scouten: "Manche Anfragen waren etwas skurril, andere ausgefallen oder schlicht überraschend. Da trudelt eine Nachricht aus England ein und es heißt: 'Wir wollen uns gegen den Ball so positionieren, dass wir im Umschalten besser sind. Was kannst du uns raten?'", sagt Marić. Einige englische Clubs wollten Analysen zum deutschen State of the Art: dem Gegenpressing und der Besetzung der Halbräume. Marić lieferte. Er war Fußball-Freelancer und ist jetzt Profitrainer, eine Vita, an die sich viele im Fußball nur langsam gewöhnen. 

Trainer mit 25

Zusammen mit anderen Trainern wie Julian Nagelsmann in Hoffenheim oder dem neuen Schalker Coach Domenico Tedesco belegt er einen Trend im deutschsprachigen Fußball: auf Trainer zu setzen, die keine Erfahrung als Spieler gemacht haben. Ralf Rangnick, der bis Juni 2015 Sportdirektor von RB Salzburg war, sagte, dass sich in Deutschland die Erkenntnis durchsetze, dass der Beruf des Trainers mit dem des Spielers außer der Sportart nichts zu tun hätte. Immer mehr Clubs trauen sich, jungen Trainern eine Chance zu geben, weil sie auch ohne Erfahrung als Profi Expertise besitzen. Marić ist mit 25 Jahren einer der Jüngsten. 

Hätte es den Blog nicht gegeben, wäre er aber wohl nicht in Salzburg gelandet: Marić schrieb im Januar 2016 auf Spielverlagerung über die U18-Mannschaft von RB Salzburg. Es war ein wohlwollendes Porträt: "Der Siegeszug Red Bull Salzburgs U18 in der heimischen Liga ist kein Zufall; die Handschrift der Akademie ist ebenso erkennbar wie die des Trainers." Dann schrieb er eben jenem Trainer, seinem heutigen Chef Marco Rose, ob sie nicht einmal über seine Thesen ins Gespräch kommen wollten. 

Sein Bewerbungsschreiben kam offenbar gut an. Monatelang tauschten sie sich immer wieder aus, debattierten über Gegenpressing, fluides Verschieben und abkippende Mittelfeldspieler, den Sound von Spielverlagerung. "Marco Rose fand es interessant, was ich zu sagen hatte." Es folgte ein Gespräch mit Ernst Tanner, dem Nachwuchsleiter von RB Salzburg. Er hatte Analysen zur Trainingsmethodik von Marić gelesen. Marić fragte, ob er nicht auch im Trainerstab mitarbeiten könne. Salzburg sagte zu.

Für einige sind sie Klugscheißer

Gleich in der ersten Saison gewannen Rose und Marić im Frühjahr mit Salzburgs U19 die Youth League, die Champions League der Nachwuchsmannschaften. Die Salzburger Profis versuchen seit elf Jahren erfolglos, sich überhaupt für die Champions League zu qualifizieren. Als Rose im Juni dann neuer Cheftrainer der Profis wurde, nahm er Marić mit.

Nun entwirft Marić Spiel- und Trainingsmodelle, beobachtet Gegner und weist seine Spieler auf taktische Feinheiten hin. "Wenn Spieler merken, dass man ihnen helfen kann und sich für sie einsetzt, akzeptieren sie einen, egal ob man 18 oder 38 Jahre alt ist", sagt Marić nach den ersten Wochen mit dem Team. Die meisten Amateurspieler wussten ohnehin nichts von seinem Fußballblog: "Als sie es erfuhren, waren sie allerdings interessiert."

Trotzdem haben die Blogger einen Ruf weg

Während er RB trainiert, schreibt er nicht für den Blog. Den Zusammenhang zu seiner jetzigen Tätigkeit sieht er aber ganz selbstverständlich. "Für mich ist es allerdings nicht mal eine eigene Disziplin", sagt Marić. "Jeder Trainer beschäftigt sich doch mit der Taktik des Spiels, oder? Für mich stellt Taktik schlicht alle Interaktionen zwischen Mit- und Gegenspielern dar." Escher sagte einmal: "Was wir auf Spielverlagerung machen, machen praktisch alle Bundesligisten, teilweise noch viel eindrucksvoller, mit statistischen Modellen und Detailanalysen kleinster Bewegungen."

Trotzdem haben die Blogger einen Ruf weg. Kritiker halten ihnen vor, Spielszenen isoliert zu betrachten. Für einige sind sie Klugscheißer, weil sie Inhalte eines Spiels lesen, die den meisten verborgen bleiben. Verstehen die anderen das Spiel nicht oder entscheiden vielleicht doch andere Dinge ein Fußballspiel? Der Vorwurf, sie seien Freaks, lässt sich nach dem Lesen einiger Analysen jedenfalls nicht ganz entkräften.

Der Gegner kommt aus Malta

Die "abkippende Sechs", "einzelne 4-3-3-hafte Staffelungen" oder die "Restverteidigung im Sinne des Kettenspiels": Kein Trainer würde so zu seinem Team reden. Marić sagt: "Das eine ist Konzeptsprache, das andere ist Aktionssprache. Beim Schreiben bin ich grundsätzlicher und damit abstrakter." Bei Spielern hingegen geht es in der Ansprache um die Vermittlung von Details in Aktionen: "Ich schreibe zwar über grundsätzliche Aspekte einer abkippenden Sechs, aber spreche dann nur über Position, Moment, Tempo und Richtung der Bewegung für die betreffenden Spieler."

Die Theoriephase ist für ihn nun ohnehin vorbei. Was ist sein Wissen in der Praxis wert? RB Salzburg will in die Champions League. In der Qualifikation scheiterte der Club seit 2006 jedes Jahr, auch an großen Namen wie dem F91 Düdelingen aus Luxemburg. In der aktuellen Qualifikation wartete wieder ein fieser Kleiner, der Hibernians Paola aus Malta. Salzburg gewann zweimal 3:0. Am Mittwoch geht es in der nächsten Runde gegen den HNK Rijeka. Übersteht RB Salzburg auch diese Runde, trennen den österreichischen Meister nur noch zwei Spiele von der Champions League. Die Gruppenphase zum ersten Mal zu erreichen, wäre für Salzburgs neue Trainer der erste Erfolg.