Wie Coca-Cola und Pepsi auf demselben Trikot

Der FC Hansa Rostock und der DFB – das war schon einmal großes Kino. Ende der Neunziger produzierte ein deutscher Privatsender Das Finale, ein Abklatsch des amerikanischen Kultfilms Sudden Death, mit Christoph Waltz als Bösewicht und dem FC Hansa Rostock als DFB-Pokalfinalisten, der gegen Hertha BSC vor einer Drohkulisse um den Titel spielte: Drama, Action, Gewalt, alles eben, was bei den Rostockern dazugehört, glaubt man den in Fußballdeutschland vorherrschenden Vorurteilen.

Tatsächlich scheinen dieses Mal die Rollen vertauscht. Der FC Hansa könnte als Opfer in der neuesten Angelegenheit verortet werden, der DFB als Bösewicht. Es geht um einen Sponsoren-Krimi, der den Wettbewerb verzerren könnte.

Vor fünf Wochen präsentierten die Rostocker ihren neuen Hauptsponsor. Ein schwedisches Wettportal und Onlinecasino namens Sunmaker. Für Hansa in der dritten Liga vielleicht der wichtigste Sommerzugang, und das, obwohl eine nahezu komplett neue Mannschaft samt Trainer verpflichtet wurde.

Zwei Wettanbieter auf einem Trikot – undenkbar

Mehr als einen Monat später überraschte der DFB  die 20 Drittliga-Vereine mit einem Millionendeal – mit dem Wettportal bwin, einem direkten Konkurrenten des Rostocker Geldgebers. Mehr als vier Millionen Euro soll der DFB damit in den nächsten zwei Jahren einnehmen, für die Vereine fällt in den kommenden Spielzeiten jeweils ein sechsstelliger Betrag ab. Für die oft klammen Clubs zwischen Unterhaching in Rostock ein Geldregen. Doch während sich ein Großteil der Drittliga-Vereine über die sommerliche Bescherung freute, fühlten sich die Rostocker in die Magenkuhle geboxt.

Wenige Stunden nach der offiziellen Mitteilung des DFB kritisierte Hansa das Vorgehen des Verbandes in einer mehrseitigen Erklärung. Die Vorwürfe: fehlende Absprachen, Übereile und die Missachtung von Vermarktungsrechten der Vereine. "Der Hauptkritikpunkt ist, dass durch den Hauptpartner der dritten Liga die Branchenexklusivität unseres neuen Hauptsponsors Sunmaker torpediert wird", schrieb der FC Hansa.

Warum das Thema an der Ostsee tost, verraten die Details der Partnerschaft zwischen Liga und Sponsor. Die Werbeaktivitäten von bwin wachsen tief in die Vereine hinein. So soll das Unternehmenslogo unter anderem auf den Trikotärmeln und auf LED-Wänden im Stadioninnenraum auftauchen. Bereiche, die beim FC Hansa bereits vermarktet wurden. Das sogar zu besseren Konditionen, wie der Verein mitteilt. Zwei verschiedene Wettanbieter-Flocks auf einem Trikot – undenkbar an der Ostsee. Das wäre wie Coca-Cola und Pepsi auf einem Hemd.

Freiwillige Aktion

Der DFB wunderte sich über die Kritik und bestritt, die Vereine vor vollendete Tatsachen gestellt zu haben. "Natürlich haben wir die Klubs in diesen Gesprächen mitgenommen. Der DFB handelt im Auftrag der Vereine und streicht nicht die Einnahmen ein", sagte der DFB-Vizepräsident Peter Frymuth der Rheinischen Post. Außerdem, so der Verband, habe der FC Hansa schon frühzeitig von dem Interesse Kenntnis gehabt, dass die Liga eine Kooperation mit einem Wettanbieter in Erwägung zieht. 

Der Lösungsansatz des DFB: Der Verband macht das erste Jahr mit dem Liga-Partner zu einer freiwilligen Aktion – wer Werbeplätze bereits vermarktet hat, könnte jene Sponsoren behalten. Das Geld vom Werbepartner bliebe dann jedoch allein bei den teilnehmenden Vereinen, ehe der Deal im Sommer 2018 für alle Drittligisten verbindlich sein soll. Dabei erwog der DFB nach eigenen Angaben, die Partnerschaft erst im kommenden Sommer starten zu lassen, entschied sich aber für den Schnelleinstieg.

"Ein absolutes No-Go"

Bei Hansa ist man aber immer noch sauer. "Die Vergabe von Vereinsrechten ohne Rücksprache mit den Vereinen sind unserer Meinung nach ein absolutes No-Go!", sagt der Vorstandsvorsitzende Robert Marien. "Eine Umsetzung von heute auf morgen, ohne überhaupt aufzunehmen, welche Folgen und Konsequenzen das nach sich ziehen könnte und würde, ist ebenfalls nicht das, was wir uns wünschen." Die LED-Banden des Ostseestadions als neue No-Go-Areas des Nordostens – so schnell kann es gehen.

Der Verein sieht nicht nur die Branchenexklusivität seines Trikotsponsors gefährdet, sondern fühlt sich noch zusätzlich gegängelt. Obwohl Rostock mit fünfstelligen Zuschauerzahlen und guten TV-Quoten zu den populärsten Teams der Liga zählt, könnte es zumindest bei dem neu zu verteilenden Geld leer ausgehen. Der Verein fühlt sich für seine gute Vermarktungsleistung bestraft. "Ab sofort befinden wir uns in einer Liga der zwei Geschwindigkeiten, in der einige Vereine finanziell begünstigt werden und andere nicht", sagt Marien. Wettbewerbsverzerrung?

Wenigstens ein Free-TV-Spiel

Die Rostocker sind nun auf Konfrontationskurs und kündigten in ihrer Mitteilung an, "aus Solidarität" zum eigenen Sponsor auf eine Teilnahme auf dem Gruppenbild aller Drittligavereine für die bwin-Kooperation zu verzichten.

Allerdings ist die Zentralvermarktung von Werbebereichen der Vereine im deutschen Fußball nicht ungewöhnlich. Ein Paketzusteller stellte in den vergangenen Jahren den Ärmelflock für die Bundesliga-Trikots, ehe den Vereinen zum Start der kommenden Saison diese Fläche zur eigenen Vermarktung überlassen wurde. Befürworter des bwin-Deals verweisen zudem auf die gängige Praxis, dass der DFB-Pokal ebenfalls zentralvermarktet wird und es in den vergangenen Jahren zu Sponsoren-Überschneidungen kam. Ein Argument, das in Rostock nicht verfängt – schließlich geht es bei der Liga-Partnerschaft nicht um ein oder zwei Spiele, sondern um eine komplette Saison.

Laut Marien habe es seit der Konfrontation vom Wochenende Gespräche gegeben, eine Lösung sei aber noch nicht gefunden. Der Vorstandsvorsitzende sieht nicht nur seinen Verein, sondern die gesamte Liga betroffen: "Wir stecken aufgrund des viel zu schnellen Einstiegs in vermarktungstechnischen und rechtlichen Informationslöchern. Diese müssen schnellstmöglich geschlossen werden."

Unterdessen gab es am Dienstag auch eine gute Nachricht für den FC Hansa. Wie der DFB und die ARD bekannt gaben, bekamen die Rostocker den Zuschlag für das prestigeträchtige Free-TV-Spiel in der ersten Pokalrunde. Wie damals im Finale geht es gegen Hertha BSC.