Fußballfans der ganzen Welt denken an ein Traumtor, wenn sie den Namen James Rodríguez hören. Im Achtelfinale der vorigen WM, der größten Fußballbühne, legte sich der Kolumbianer den Ball mit der Brust vor und schoss volley aus 25 Metern unter die Latte. So oft wie er, sechsmal, traf kein zweiter beim Turnier in Brasilien. Auf YouTube findet man viele tolle Treffer und Pässe von ihm im Trikot von Real Madrid.

Der WM-Torschützenkönig kommt in die Bundesliga, ein Fußballer mit formidabler Schusstechnik, der auch brillant Tore vorbereiten kann. Das ist spektakulär. Aber Rodríguez kommt geschwächt nach München, denn in Madrid konnte er sich nie durchsetzen.  

Auch von Rodríguez' jüngstem Erfolg gibt es Bilder. Nach dem Champions-League-Sieg im Juni stand er auf dem Rasen in Cardiff – im Anzug und mit Krawatte. Ihm war nicht einmal der Platz auf der Bank geblieben, der Trainer hatte ihn aus dem Kader gestrichen. Wie im Endspiel im Jahr zuvor kam er keine Minute zum Einsatz.

Rodríguez' Marktwert ist nicht mal halb so hoch wie noch vor drei Jahren, als er für 80 Millionen Euro nach Spanien wechselte. Der Kolumbianer, der am Mittwoch 26 Jahre alt wird, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie schwer sich die Bayern tun, ihre hohe Qualität durch Einkäufe zu halten.

Von 2010 bis 2016 hat der FC Bayern einen Höhenflug erlebt, dauerhaft war der Verein unter den besten drei bis fünf Europas, zog fünfmal nacheinander ins Halbfinale der Champions League ein. Im Vorjahr wurde Bayern wieder einmal Deutscher Meister, aber man sah, dass der entscheidende Teil der Mannschaft in die Jahre gekommen ist.

Die Strategen Lahm und Alonso haben aufgehört, Ribéry und Robben spielen altersbedingt nicht immer auf höchstem Niveau. Weil aus dem Nachwuchs nicht viel kommt, muss der Verein shoppen gehen. Zur neuen Saison hat er Sebastian Rudy und Niklas Süle verpflichtet, zwei gute Bundesliga-Fußballer. Das schwächt den Konkurrenten Hoffenheim, aber es ist nicht gesagt, dass die beiden Stammspieler werden. Serge Gnabry, ein talentierter Flügelstürmer, kommt aus Bremen, soll aber erst einmal verliehen werden. Mehr verspricht der Franzose Corentin Tolisso, er dürfte das Niveau des Mittelfelds heben.

Doch es wird schwer mit der neuen Bayern-Ära, das liegt auch an den letzten Einkäufen. Der Portugiese Renato Sanches hat mehr als 35 Millionen Euro gekostet, aber noch kein einziges gutes Spiel für Bayern gemacht. Seine Orientierungsschwäche ist den Scouts offenbar nicht aufgefallen. Kingsley Coman kam zuvor als Ersatzspieler von Juventus Turin, auf dem Platz trifft er oft die falschen Entscheidungen. Beide sind auch in ihren Nationalteams wenig im Einsatz.

Und da ist noch Douglas Costa. Der Brasilianer ist ein auffälliger Stürmer mit gewissen Fähigkeiten am Ball. Aber der Fußballgott hat ihn nicht mit einem Übermaß an Spielverständnis gesegnet. Zudem sind seine Flanken oft ungenau, weswegen ihn die Bayern kaum loswerden. In seinem ersten halben Jahr wurde er noch für seine Dribblings und Tore gegen Hamburg und Leverkusen gefeiert, seine Schwächen haben viele Fans übersehen.

Seine Mitspieler führen den Ball flüssiger

Auch Rodríguez wird in der Bundesliga glänzen, vermutlich sogar länger, und der nächste Meistertitel rückt mit ihm näher. Bloß zählt der in München nicht mehr sehr viel, die Saison geht praktisch im Februar los, wenn in der Champions League die K.o.-Runde beginnt. Sie ist der Maßstab, nicht die Bundesliga, auch nicht die WM, wo es sich leichter Tore schießen lässt als in der Champions League. Real Madrid, der Club, der drei der vorigen vier Titel gewann, ist der Maßstab.

Real gehört die Gegenwart, es hat aber auch die Zukunft schon eingeleitet. Marco Asensio, 21, schoss im Champions-League-Finale ein Tor. Isco, 25, den die Bayern vor wenigen Jahren vielleicht hätten holen können, aber nicht wollten, zählte zu den Besten. Die beiden neuen Leistungsträger Reals, erst recht die etablierten Stars Modrić oder Benzema führen den Ball ein bisschen flüssiger als Rodríguez, dem auch etwas Tempo fehlt. Der neue Bayern-Spieler war seinen Mitspielern in diesen Details nicht gewachsen. Bayern möchte besser sein als Madrid. Mit dort ausgemusterten Fußballern wird das schwer.

"Bayern muss sich was einfallen lassen", sagte jüngst Toni Kroos, ein Fußballer der allerersten Güte, den Bayern nach Madrid ziehen ließ. Eine internationale Kampfansage ist der Transfer Rodríguez' aber allein deswegen nicht, weil es sich um ein Leihgeschäft handelt. Sollte er in München zum Weltklassespieler reifen, dürfte er trotz Kaufoption in zwei Jahren nach Madrid zurückkehren. Bayern macht sich klein gegenüber Real.