Die Verliererin will bleiben – Seite 1

Eine Tasche mit der Aufschrift "Be Happy", das sollte Glücksbringer und Motto für Steffi Jones sein. Sie hatte die Handtasche vor einigen Wochen von ihrer Frau Nicole Jones bekommen und hielt ihn Anfang Juli auf einer Pressekonferenz in die Kameras. Sie freute sich auf ihr erstes Turnier als Bundestrainerin, die Europameisterschaft in den Niederlanden. Davon ist nun nicht mehr viel übrig.

Das Turnier ist vorzeitig zu Ende, Deutschland scheiterte im Viertelfinale mit 1:2 an Dänemark. Es ist ein historisches Aus, das Ende einer Ära: Seit 1995 gewann Deutschland sechs Mal in Folge dieses Turnier. In Europa gab es, außer Frankreich und Schweden, kaum Konkurrentinnen. "Ich spüre eine große Enttäuschung – und die ist heute noch nicht weg", sagte Jones am Montagmorgen, kurz bevor sie das Teamhotel in Sint-Michielsgestel verließ. "Es war eine sehr bittere Lehrstunde für uns." Es gehe nun darum, was das Team und der Trainerstab mitnähmen. Es geht also auch um sie.

Historisches Aus

Die Deutschen waren wie immer die Favoritinnen. In der Vorrunde besiegten sie Russland (2:1) und Italien (2:1) und holten gegen Schweden ein 0:0. Auch den Däninnen war man eigentlich überlegen. Das Spiel am Samstag musste wegen des zu starken Regens noch abgesagt werden. Doch selbst am Nachholtermin, einem Hochsommersonntag, sahen sechs Millionen Fernsehzuschauer die Partie im ZDF. Deutschland war interessiert. Die Chance, im Halbfinale zum Nachbarschaftsduell gegen die überraschend starken Österreicherinnen am Donnerstagabend anzutreten, motivierte zusätzlich. Doch es sollte nicht sein: "Die Art und Weise, wie wir verloren haben, hat mich am meisten verletzt. Die Einstellung hat nicht gestimmt, da müssen wir uns alle hinterfragen", sagte Spielmacherin Dzsenifer Marozsán am Montagmorgen.

Marozsán war es wichtig zu betonen, dass die Mannschaft mit dem fast schon peinlichen Ausscheiden die Bundestrainerin im Stich gelassen hatte. "Es tut mir leid für sie. Sie hat es überhaupt nicht verdient." Ob sie sich ein Zeichen vom DFB wünsche, dass Jones nun trotzdem ihre Mission fortführen darf? "Ja!"

Vielleicht könnte dieser Rückhalt aus dem Team noch wichtig werden. Als Jones vor der WM 2015 überraschend vom damaligen DFB-Präsident Wolfgang Niersbach als Nachfolgerin von Silvia Neid vorgestellt wurde, ging der DFB ein großes Risiko ein. Die damalige Direktorin war ohne größere Erfahrung im Trainermetier, hatte weder ein Vereins- noch ein Nachwuchsteam geführt. Die fehlende Erfahrung ließ sich auch nicht durch einen Crashkurs als Assistentin der erfolgreichen Silvia Neid aufholen. Nun können sich einige Kritiker bestätigt fühlen: Das Experiment Jones ging vorerst schief.

Zu viel, zu schnell

Doch sie ist erfahren im Umgang mit Kritik. Von Anfang an begleiteten ihre Nominierung Zweifel: War sie die Richtige? "Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass man als DFB und Präsidium erst mal wissen möchte: Warum und weshalb? Wohin soll der Weg gehen? Wie kommen wir wieder in die Erfolgsspur zurück?", sagte Jones nach dem Aus nun, "das ist ganz normal. Das werde ich aufzeigen und dann wird es weitergehen." Deshalb muss sie auch gar nicht sofort die Unterstützung für eine Fortführung ihres Amtes bekommen.

Allerdings muss ein guter Teil der EM-Analyse auch Selbstkritik sein. Jones wollte zu viel zu schnell. Innerhalb eines Jahres stellte sie das Spielsystem um, förderte die Mitbestimmung und Außendarstellung, scheiterte aber im entscheidenden K.-o.-Spiel. Jones muss lernen, unbequeme Entscheidungen zu treffen: Es müssen nicht alle 20 Feldspielerinnen in der Vorrunde zum Einsatz kommen, um sich zugehörig zu fühlen.

Zudem ließ sie in einer extrem offensiven Mittelfeldraute antreten. Bei Ballverlusten war die DFB-Auswahl dann anfällig, weil Rückwärtsbewegung und Abstimmung nicht passten. Genau an diesen Stellen ist die DFB-Auswahl gegen Dänemark zweimal überrumpelt worden. Als sich auch noch Stürmerin Alexandra Popp verletzte, gab es keinen Ersatz mehr. Bei Anja Mittag scheint die beste Zeit vorbei, Mandy Islacker hat vielleicht nicht ohne Grund unter Neid nie wirklich eine Rolle gespielt.

Silvia Neid, die sich 2016 mit der olympischen Goldmedaille verabschiedet hatte, bleibt als neue Leiterin der DFB-Scoutingabteilung noch bis zum Finale. Sie wirkt entspannt wie nie – vermutlich weil sie weiß, was ihre Nachfolgerin Jones gerade durchgemacht hat und noch durchmachen wird.

Einsichtig sein, darum geht es jetzt

Der DFB hingegen hält sich noch bedeckt. Vor dem Turnier sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel, dass nicht der Titel zähle, sondern der spielerisch gute Eindruck. Nun ist er im Urlaub, verkündete aber via Facebook: "Wir werden nunmehr in aller Ruhe, unabhängig von der aktuellen Enttäuschung über das Ausscheiden mit allen Beteiligten analysieren und überlegen, was zu tun ist, damit unsere Frauen-Nationalmannschaft wieder an frühere Erfolge anknüpfen kann."

Jones hatte nach dem Aus am Sonntagabend noch mit Grindel telefoniert. Sie spüre Vertrauen, der DFB wolle aber wissen, wie unser gemeinsamer Weg aussehen soll. Es ist klug von Jones, sich einsichtig zu geben. Tut sie das, hat sie den DFB auf ihrer Seite. Ihr Vertrag läuft bis 2018, das nächste Turnier wird die WM 2019 in Frankreich sein. Sehr wahrscheinlich wird der DFB auch mit ihr dieses Turnier angehen, alles andere ergibt derzeit keinen Sinn. Die WM-Qualifikation beginnt schon am 16. September mit einem Heimspiel in Ingolstadt gegen Slowenien.

Jones hat nicht viel zu befürchten. Auch weil ihre Kritiker aus der Liga stumm sind. Bernd Schröder prangerte am Montag zwar im ZDF-Frühstücksfernsehen erneut die Wohlfühl-Atmosphäre bei den DFB-Frauen an ("Wir sind im Leistungssport), aber er hat bei Turbine Potsdam keine Funktion mehr. Siegfried Dietrich, der Macher vom 1. FFC Frankfurt, stellte sich als Sprecher aus der Frauen-Bundesliga klar hinter seine frühere Spielerin: "Wenn Steffi Jones aus ihren Erfahrungen die richtigen Schlüsse zieht, lässt sich für die Zukunft viel realisieren. Sie hat einen langfristigen Plan und sollte weitermachen." Auch Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter vom Meister VfL Wolfsburg, steht hinter ihr. Nach dem vierten Platz bei der WM in Kanada wurde deutlicher genölt.