ZEIT ONLINE: Herr Spittler, sind Sie glücklich?

Torsten Spittler: Ja, bin ich. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die mich nerven. Die haben aber mit dem Umbau meiner Wohnung zu tun.

ZEIT ONLINE: Die Frage musste sein, schließlich sind sie Fußball-Nationaltrainer in Bhutan. Ein Land, über das hier wenig bekannt ist, außer, dass es einen Minister für das Glück hat. Wurden Sie von ihm auch schon befragt?

Spittler: Indirekt. Vor drei Wochen gab es eine Volkszählung und dabei wurde unter anderem auch der Glücksfaktor auf einer Skala von eins bis zehn abgefragt. Je zwei Frauen, meistens Lehrerinnen, gingen von Haus zu Haus und haben alle Hausherren im Land befragt. Ich habe Glücksfaktor acht angegeben.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie überhaupt Nationaltrainer in Bhutan geworden?

Torsten Spittler arbeitete bereits in Mosambik, Oman, Nepal, Jemen, Sierra Leone, Indien und Kanada. Seit Oktober 2016 trainiert er die Fußball-Nationalelf von Bhutan. © privat

Spittler: Für den DFB und den DOSB habe ich schon viele Projekte im Ausland betreut. Ich habe Trainer ausgebildet und Jugendmannschaften trainiert. Vor zwei Jahren hat mich ein kurzfristiges Projekt nach Bhutan gebracht, wo ich Jugendtrainer ausgebildet habe. Wir sind im Kontakt geblieben. Als der Verband dann einen neuen Nationaltrainer brauchte, haben sie mich gefragt.

ZEIT ONLINE: Wie gut sind die Fußballer in Bhutan?

Spittler: Das fußballerische Niveau ist relativ schlecht, vielleicht vergleichbar mit der vierten Liga in Deutschland. Es gibt nur eine einzige Liga in Bhutan. Dazu kommen die geografischen Gegebenheiten. Das Land ist durch den Himalaya geprägt, es gibt viele Berge und Täler und daher nur wenig Fläche für normal große Fußballplätze. So gibt es insgesamt vielleicht nur 200 Fußballer, die für mich interessant sind. Zehn Prozent davon stehen dann im Nationalkader. Keiner von ihnen ist Vollzeitprofi.

ZEIT ONLINE: Wie sieht ihre Arbeit vor Ort aus?

Spittler: Der Ligabetrieb beginnt im Februar. Trotzdem kann ich es mit dem Verband organisieren, dass wir vor den Spielen drei bis vier Wochen zusammen trainieren können. Da kann man dann schon einiges verändern und verbessern. Zwischen den einzelnen Länderspielen vergeht aber recht viel Zeit. Wenn die Spieler dann zurück im Verein sind, bei den dortigen Mitspielern und Trainer, verlernen sie wieder vieles.

ZEIT ONLINE: Bhutan belegt derzeit Rang 164 in der Fifa-Weltrangliste. Sie treten in der Qualifikation für den Asien-Cup an, sind nach einer 0:14-Klatsche gegen Oman und einem 0:2 gegen die Malediven aber letzter in ihrer Vierergruppe.

Spittler: Wir haben uns über Qualifikationsspiele gegen Bangladesch, immerhin einem Land mit einer Profi-Liga, überhaupt erst das erste Mal für diese dritte Runde qualifizieren können. Ziel ist allerdings nicht, dass wir an der Asienmeisterschaft teilnehmen. Da würden wir nur abgewatscht. Wir wollen von den Spielen lernen und uns verbessern. Eine Pleite wie gegen Oman ist mir allerdings als Spieler oder Trainer noch nie passiert. Wir haben in der ersten Minute ein Gegentor bekommen und dann ist die Mannschaft auseinandergebrochen.

ZEIT ONLINE: Wie definieren Sie für sich und die Mannschaft Erfolg, wenn Sie nicht zur Asienmeisterschaft fahren wollen?

Spittler: Ich möchte natürlich jedes Spiel gewinnen und messe für mich Erfolge auch an Ergebnissen. Man muss aber auch sehen, wie die Ergebnisse zustande kommen. Nach dem 0:14 gegen Oman hätte ich erwartet, dass bei unserer Rückkehr meine Koffer am Flughafen stehen, aber der Verbandspräsident hat sich ruhig und sachlich mit mir unterhalten. Allerdings ist das auch die Krux: In der Halbzeit gegen Oman musste ich mit meiner Mannschaft sprechen wie mit einem E-Jugendteam. Die hatten keine Lust mehr weiterzuspielen. Es fehlt ein wenig das Verständnis für die Bedeutung internationaler Spiele, in denen es ja doch um etwas geht.

ZEIT ONLINE: Bhutan ist kein reiches Land. Wie sieht der Alltag dort aus?

Spittler: Es ist ein einfaches Leben. Die Höchstgeschwindigkeit in Bhutan liegt bei 60 Stundenkilometern. Es gibt kleine Supermärkte, dort kann man aber nur zwei Sorten Milch kaufen und nicht 25 wie bei uns. Der Buddhismus ist tief in der Gesellschaft und damit auch im Sport verwurzelt. Vor jedem Spiel stehen wir um 6.30 Uhr auf und fahren zu einem besonderen Tempel etwas außerhalb der Hauptstadt Thimphu. Dort geht die Bevölkerung hin, wenn große Aufgaben anstehen. Die Mannschaft wird dann von Mönchen gesegnet, danach geht's ab zum Frühstück.