Vergangenen Montag hatte sich die ARD für ihre Tour-de-France-Übertragung die hohe Politik in die enge Sprecherkabine eingeladen. Jean Asselborn, der Außenminister Luxemburgs, nahm während der dritten Etappe neben Florian Naß Platz. Das Teilstück führte von Belgien einmal längs durch Luxemburg bis nach Nordfrankreich. Ein Heimspiel für Asselborn, die Stimmung war gelöst.

Der Kommentator verhandelte mit seinem Gast, der selbst ein ambitionierter Hobbyradler ist, die billigen Spritpreise im kleinen Nachbarland der Deutschen, die Sprachgewandtheit der Luxemburger,  Schengen, den kleinen luxemburgischen Ort, der für Europas offene Grenzen steht, und natürlich den Radsport. Ob er denn bei seinen rund 12.000 Trainingskilometern im Jahr auch nachhelfe, etwa mit einem E-Bike, wollte Naß wissen. "Nix da!", entgegnete Asselborn planmäßig empört und fügte nach der Aufzählung seiner tollsten Ausfahrten (Alpe d'Huez, zweimal Mont Ventoux) hinzu: "Ich esse viele Äpfel, das ist Bio-Epo, damit kommt man sehr weit."


Ein Stichwort, mit dem man hätte arbeiten können, statt es wegzulachen. Schließlich hatte die Tour 2017 ihren ersten Epo-Fall bereits Tage vor dem Start verzeichnet. Der Portugiese André Cardoso war nach positivem Test aus dem Team Trek-Segafredo genommen worden, für das auch der Deutsche John Degenkolb fährt. Kapitän: Alberto Contador, dem die Tour 2010 wegen Dopings aberkannt wurde.

Es profitierte damals übrigens ein Luxemburger: Andy Schleck. Den erwähnte Asselborn natürlich. Überhaupt rühmte er die großen Taten der winzigen Radsportnation, etwa die des ersten Luxemburger Toursiegers François Faber 1909. Das Drumherum blieb unerwähnt, etwa die Dopingverurteilung von Andys Bruder und Teamgefährten Fränk bei der Tour 2012.


Das hätte die Laune getrübt. Aber vielleicht ist gerade das auch der große Fehler, der so vieles für die Zukunft verbaut: die Leute immer noch für dümmer zu verkaufen, als sie sind. Um jeden Preis den schönen Schein zu bemühen, statt den Dingen auf den Grund zu gehen und zu erklären, wie es wirklich ist. Den schönen Bildern von den Landschaften und den Kindern am Streckenrand zu vertrauen.

Die Tour hat noch immer Anziehungskraft: eine Million Menschen zum Rennauftakt in Düsseldorf, gut eine Million seitdem auch jeden Tag in der ARD. Kein Vergleich natürlich zu den bis zu neun Millionen, die früher Jan Ullrich zuschauten. Und doch erstaunlich viel nach allem, was passiert ist. Bei allem, was vermutlich immer noch passiert im Verborgenen.

Die Tour wurde zur Friedensfahrt Westeuropas

Trotz allem Applaus ist es noch immer eine große Vertrauenskrise, in der die Tour steckt, im Jahr elf nach dem großen Fuentes-Skandal. In dieser Hinsicht erinnert das in die Jahre gekommene Massenereignis ein wenig an eine andere große Idee, die ähnlich ins Schlingern geraten ist. Gemeint ist die EU, deren dienstältester Außenminister Monsieur Asselborn ist.

Die Tour ist ein Kapitel europäischer Geschichte, daran erinnerte am Mikrofon auch Asselborn. François Faber, der erste Luxemburger Sieger, fiel 1915, sechs Jahre nach seinem Triumph, als Soldat in Verdun. Ein Opfer von Europas größter Katastrophe. Die einzigen Jahre, in denen die Tour nicht stattfand, waren die europäischen Kriegsjahre, 1915 bis 1918 und 1940 bis 1946 gab es keine Rundfahrt.

Im befriedeten Europa wurde die Tour von einer nationalen Rundfahrt zu einem gesamteuropäischen Ereignis. 1954 fand der Grand Départ zum ersten Mal im Ausland statt. Amsterdam, Brüssel, Köln, später San Sebastián, Dublin, das eingemauerte West-Berlin. Die Tour überschritt Grenzen. Auch wenn es im Kern wie bei allen kapitalistischen Sportereignissen ums liebe Geld ging: Die Tour wurde zur Friedensfahrt Westeuropas.