Game, Set, Mama

Warterei gehört bei Tennisprofis zum Geschäft. Am Montagmittag hockte Victoria Asarenka zunächst im überfüllten Spielerrestaurant des All England Clubs, danach ging sie ein Stockwerk tiefer in die Player's Lounge, Kopfhörer auf, Musik auf die Ohren, Stunden vergehen. Spannung halten, warmmachen, vorbereiten. Weiter warten. Um 19 Uhr schließlich wurde ihr Match aufgerufen. Die Rückkehr der zweimaligen Grand-Slam-Siegerin war ein Highlight des Auftakttages in Wimbledon. Deswegen hatte Asarenkas Partie keine feste Ansetzung bekommen, sondern wurde auf den ersten großen Court gelegt, der nach dem regulären Spielplan frei wurde.

Die Tennisfans freute die eher ungewöhnliche Maßnahme, Asarenka dagegen nicht. Denn die 27-jährige Weißrussin ist seit Dezember Mutter des kleinen Leo und gerade frisch wieder ins Tourleben eingestiegen. "Für eine junge Mutter war das wirklich hart", sagte Asarenka, "ich musste den ganzen Tag warten, und als ich dran war, war das natürlich weit nach Leos Schlafenszeit. Daher habe ich ihn nicht mit auf die Anlage gebracht. Das wollte ich ihm nicht antun." Asarenka gewann die Partie gegen Cici Bellis noch nach frühem Rückstand in drei Sätzen, doch der Ärger über den Spielplan saß tief. "Hoffentlich muss ich nicht noch einmal so spielen", sagte sie.

Das Wort der ehemaligen Weltranglistenersten hat Gewicht, und so setzten die Veranstalter in Wimbledon ihre nächsten beiden Partien jeweils als erste an, mit fester Uhrzeit also. Ginge es doch immer so einfach. Familie und Karriere zu vereinbaren ist für keine Frau leicht. Als Profisportlerin birgt es eine ganz eigene Herausforderung. 

Auch Serena Williams erwartet ihr erstes Kind

Da sind die ständigen Reisestrapazen, die das Nomadenleben der Tennisspieler mit sich bringt, dazu die zeitintensiven Trainingseinheiten und die Tatsache, dass man im Tennisport bis zu einem gewissen Grad egoistisch sein zu muss, wenn man erfolgreich sein will. Doch das Leben als Tourmama entwickelt sich gerade zu einem neuen Trend. Die Familienplanung soll nicht mehr wie früher der Grund sein, den Beruf vorzeitig aufzugeben. Zumal die Karrieren der Tennisspielerinnen heute deutlich länger dauern können, oft sogar bis Mitte 30.

Die 35-jährige Serena Williams, die Rekord-Grand-Slam-Siegerin, erwartet im August ihr erstes Kind und hat ihre Rückkehr fürs nächste Jahr bereits angekündigt. Die Luxemburgerin Mandy Minella spielte in Wimbledon sogar im vierten Schwangerschaftsmonat mit. Sie wird nach der Geburt des Kindes ihre Karriere fortsetzen. "Ich möchte andere Frauen inspirieren", sagt die 31-Jährige: "Wir haben heute doch alle Möglichkeiten. Und ich möchte anderen Mut machen, ihr Leben während und nach einer Schwangerschaft fortzusetzen."

Für Tatjana Maria sind das gute Nachrichten. Die 29-jährige Baden-Württembergerin spielt seit drei Jahren wieder auf der Tennistour – seit der Geburt ihrer Tochter Charlotte. "Ich sage allen immer: Macht es auch, es ist wundervoll." Die Zeit abseits des Tennisplatzes so intensiv mit der Familie nutzen zu können, sei das Schönste für sie. Neben Maria sind auch die Russin Jewgenija Rodina und Katerina Bondarenko aus der Ukraine als Mütter auf der Frauentour unterwegs, doch sie stehen eher am Rande der Top 100 und damit natürlich nicht so im Fokus wie Asarenka und Williams.

Keine Krippen auf der Tour

Doch Aufmerksamkeit ist wichtig. "Ich hoffe, dass durch Vika und Serena das Thema größer wird", sagt Maria. Denn bei aller Freude weiß sie auch um die Bedürfnisse der Tourmamas. Und die wurden bisher wenig berücksichtigt: "Wir brauchen auch auf der Frauentour endlich Krippen – auf der Männertour gibt es die längst."

Für gleiche Preisgelder mussten die Frauen im Tennis lange streiten, die Gleichstellung bei der Kinderbetreuung während der Turniere soll zügiger gehen. "Ich habe schon mit der WTA gesprochen", sagt Asarenka, "die Jungs haben längst den Luxus von Kindergärten auf der Tour, wir wollen die gleichen Vorteile. Denn für uns Frauen ist es viel härter und daher wichtiger."

Kinderbetreuung bei Turnieren

Windeln wechseln, füttern, Schlaflieder singen und selbst auf etwas Schlaf hoffen – das kennen alle jungen Eltern. Aber den Babyrhythmus mit dem Profialltag und Turnierkalender zu verquicken, ist für diese Mamas ungleich verzwickter. Ein Vierfachvater wie der Schweizer Rekordchampion Roger Federer kann den Löwenanteil der Kinderbetreuung getrost seiner Frau und den beiden Nannys überlassen, während er trainiert oder ein Match bestreitet. Eine spielende Mama ist da weit mehr gefordert, Tag und Nacht. Sie braucht Unterstützung, und nicht jede kann sich dabei die Annehmlichkeiten leisten wie die Topstars.

Bei den Grand Slams, den vier wichtigsten Turnieren, gibt es zumindest eine Kinderbetreuung – jedenfalls auf dem Papier. "Bei den Australian Open gibt es einen recht kleinen Raum ohne Fenster, da passen höchstens acht Kinder rein", erzählt Maria, "in New York gibt es einen Raum zum Spielen, aber man muss sich selbst um sein Kind kümmern. Und in Paris bekommen die Kinder dort kein Essen, das macht es auch kompliziert." In Wimbledon sei die Kinderbetreuung dagegen optimal. Etwa 25 Kinder werden täglich nahe den Trainingsplätzen am Aorangi Park bespaßt und rundum versorgt. Natürlich sind es hauptsächlich die Kinder der Spielerkollegen.

Endlich mal Zeit

Spielerinnen wie Kim Clijsters, Lindsay Davenport oder Sybille Bammer hatten in der Vergangenheit bereits vorgelebt, dass man auch als Mutter erfolgreich Tennis spielen kann, sehr erfolgreich sogar. Die Belgierin Clijsters gewann nach der Geburt ihrer Tochter Jada noch drei Grand-Slam-Titel. Asarenka und Williams ist so ein Coup auch zuzutrauen. Schon allein, weil die mehrmonatige Schwangerschaftspause einen immensen Vorteil verschafft hat: Zeit.

Genau die fehlt den Athletinnen nämlich während einer Saison, die von Januar bis Ende Oktober dauert. Wichtige Zeit, um intensiv die Fitness zu verbessern oder an der Technik zu feilen. Maria beispielsweise stellte während der Schwangerschaft ihre Rückhand von beidhändig auf einhändig um – ein enormer Schritt. Asarenka veränderte ihre Aufschlagtechnik, da sie zuvor oft mit Schulterverletzungen kämpfte. "Ich hätte während einer normalen, zehnmonatigen Saison nie die Zeit gehabt, so intensiv daran zu arbeiten", sagt Asarenka, "mit dieser Umstellung kann ich nun sicher meine Karriere verlängern und auch von der Fitness her bin ich so gut in Form wie nie zuvor."

Auch ihre Freundin Serena Williams nutzt diese Zeit intensiv aus und postet fleißig Videos ihres Tennistrainings – im siebten Schwangerschaftsmonat. 23 Major-Trophäen hat Williams bereits ohne Kind. Ihre Gegnerinnen fürchten sich schon jetzt.