Die Tribüne ächzt und quietscht unter den trampelnden Füßen. Von einer Trillerpfeife begleitet, feuern die Kubaner ihre Beachvolleyballer bei der Weltmeisterschaft in Wien mit Schlachtgesängen an und tanzen, bis das Eisengerüst bebt. Mit ihren Stimmen erfüllen sie die Arena, dabei besteht die Gruppe nur aus sechs Personen.

61 Minuten am Stück feierte die kleine Abordnung aus Kuba am Donnerstag, und sie hörte auch nicht auf, als der letzte Ball von Leila Ortega und Lidianny Benitez längst gespielt war. Nach drei Sätzen mussten sich die Kubanerinnen ihren Gegnerinnen aus Kanada geschlagen geben (19:21, 21:16, 15:17), Platz neun bei der Weltmeisterschaft, die am Sonntag endet, sei aber "weit mehr als wir erwartet hatten", sagt Ortega.

Die 23-Jährige und ihre zwei Jahre jüngere Partnerin haben in dieser Saison noch kein Turnier auf einem derart hohen Niveau gespielt. Für Benitez war es sogar die erste WM-Teilnahme. "Unser Ergebnis ist unglaublich", sagt Ortega. Doch unter den Stolz mischt sich Traurigkeit. "Wir wollten hier möglichst weit kommen, denn bis zum nächsten großen Turnier wird sich niemand in unserem Land für Beachvolleyball interessieren."

Die Volleyballnation Kuba hat inzwischen auch starke Beachvolleyballer, die aber so gut wie nie auf der World Tour spielen dürfen. Das hat finanzielle Gründe, aber auch politische. Kubas Regierung möchte sich nicht öffnen, weil sie Angst hat, dass sich Spieler wieder in andere Nationen absetzen. Das Ergebnis ist, dass die Kubaner nur auf den Großevents auftreten, danach ist der Schwung dann rasch vorbei, was dem Beachvolleyball in Kuba schadet.

Und so findet sich das kubanische Paar, das in Wien so beeindruckte, nicht mal auf der aus zwanzig Turnieren bestehenden Beachvolleyball-Weltserie. "Da dürfen wir nicht starten", sagt Ortega. Gleiches galt in den vergangenen Jahren für ihre männlichen Mitstreiter. "Wir hatten keine Unterstützung vom Verband für internationale Turniere", sagt Nivaldo Díaz, der vor zehn Jahren noch keine Ahnung hatte, wie Beachvolleyball funktioniert. Er war ein erfolgreicher Schachspieler und hätte es beinahe ins kubanische Nationalteam geschafft. Beim entscheidenden Turnier für die Auswahl scheiterte er aber. "Mein Vater hat gesagt, ich wäre ohnehin zu groß, um am Schachbrett zu sitzen", sagt der Zwei-Meter-Mann lachend.

Im Beachvolleyball fand Díaz seine Berufung. Als er mit seinem Partner Sergio González bei der WM 2015 in Holland das erste Mal international in Erscheinung trat, rieben sich die Zuschauer die Augen. Die beiden jungen Männer hatten sich über ein kontinentales Ausscheidungsturnier qualifiziert und belegten auf Anhieb den neunten Platz. Ein Jahr später wurden sie Fünfte bei den Olympischen Spielen in Rio. Es war der größte Erfolg, den Kuba jemals im Beachvolleyball feiern konnte – errungen von zwei Athleten, die nie zuvor ein Turnier der Weltserie gespielt hatten.

Das Land öffnet sich, langsam

"Das war ein finanzielles Problem", sagt Díaz. Bis 2009 waren immer wieder kubanische Teams auf der World Tour aktiv, dann kam die Wirtschaftskrise über den karibischen Inselstaat und die Athleten verschwanden von der Landkarte. "Investiert wurde nur in den Hallenvolleyball", verrät Leila Ortega. Hier haben die kubanischen Frauen mit drei olympischen Goldmedaillen (1992, 1996, 2000) die größten Erfolge für das Land gefeiert.

Die Männer waren zwei Mal WM-Zweite (1990, 2000), Weltligasieger 1998 und gewannen 1976 Olympiabronze. "Hallenvolleyball ist das Aushängeschild, für Beachvolleyball interessiert sich kaum jemand", sagt Ortega. Sie studiert Zahnmedizin, leben kann sie von ihrem Sport nicht, zahlungskräftige Geldgeber gibt es nicht.

Um auf der internationalen Turnierserie zu starten, müssten die Spieler zudem regelmäßig aus Kuba ausreisen. Das ist zwar theoretisch möglich und erlaubt, vor allem seit die Ausreisebedingungen 2013 etwas gelockert wurden. Präsident Raúl Castro hat das veranlasst, zudem hat er 2014 die diplomatischen Beziehungen zu den USA nach mehr als fünfzig Jahren wieder aufgenommen. Nach dem Tod von Fidel Castro hoffen die Kubaner auf eine weitere Öffnung.