Es geht um viel mehr als Pyrotechnik

Wer am Wochenende in ein Fußballstadion ging, bekam was zu lesen. Da stand zwar das plumpe und simple "Fick Dich DFB!" auf vielen Transparenten. Aber in vielen Stadien, etwa in Nürnberg, entrollten Ultras fast im Minutentakt Spruchbänder mit halben Romanen. Auf ihnen waren viele Kritikpunkte beschrieben. In Bielefeld inszenierte die ganze Tribüne eine riesige Choreografie und zeigte dem DFB und der DFL sprichwörtlich die Rote Karte. Sie wollen bloß zündeln, so geht ja das Klischee. Doch diesmal kritisierten die Ultras die großen Übel des Fußballs. Ihnen geht es ums große Ganze, um alles. Ihre Forderungen im Faktencheck:


Eventisierung des Fußballs

Das DFB-Pokalfinale hat es gezeigt: Helene Fischer mögen einige Fußballfans gar nicht schlecht finden, aber Halbzeitshows sind unbeliebt. Sowas passt nicht zum Fußball, schon gar nicht zu einem Finale. Der Fußball soll in den Mittelpunkt. Die Kritik bezieht sich aber nicht nur auf den DFB, sondern auch auf die Vereine. Man denke an Anastacias Auftritt beim letzten Bayern-Heimspiel der Vorsaison und die GoPro-Kamera am Weißbierglas auf der Meisterfeier.

Anstoßzeiten

Mittlerweile gibt es in den drei ersten Ligen von Freitag bis Montag elf verschiedene Anstoßzeiten, englische Wochen nicht mitgezählt. Nimmt man den Europapokal hinzu, findet an jedem Tag der Woche Profifußball statt. Was für Fernsehfans allenfalls zur Ermüdung führt, ist für Amateurvereine eine Bedrohung. Zuschauer bleiben fern, fallen als Einnahmequelle weg. Mancher Amateurkicker vernachlässigt sein eigenes Spiel, schaut lieber seinen Lieblingsverein Bayern oder Schalke. Der DFB ist erster Adressat der Kritik, weil er sich gerne als Verteidiger der Amateure und des Ehrenamts inszeniert. Die Profivereine, organisiert in der DFL, müssen sie sich aber auch gefallen lassen.

Relegationsspiele

Seit der Ligareform von 2012 steigen in den fünf Regionalligen die Meister nicht mehr auf, sondern ermitteln in Relegationsduellen drei Aufsteiger. Das finden Fans und Vereine ungerecht, weil eine tolle Saison nicht belohnt wird. Waldhof Mannheim und Elversberg scheiterten bereits je zweimal. Auch die Relegationen von der dritten in die zweite Liga und von der zweiten in die erste Liga, in denen jeweils der Dritte der unteren Liga auf den Drittletzten der höheren trifft, sind aus den gleichen Gründen umstritten. 

Intransparente Sportgerichte

Der DFB hat Sportgerichte und die dürfen strafen. Klar, ein Foul muss nicht vor einem ordentlichen Gericht verhandelt werden. Er sanktioniert ebenfalls das Fehlverhalten von Zuschauern, beispielsweise nach Ausschreitungen im Stadion. Zuletzt hat er immer öfter auch Spruchbänder und Gesänge sanktioniert. Auch wenn sie nur gegen den guten Geschmack verstoßen haben, von dem Recht der freien Meinungsäußerung aber gedeckt waren. Die Ultras kritisieren auch, wie intransparent der DFB Geldstrafen für die Vereine verhängt. Ebenso stören sie sich an Kollektivstrafen. Als die Dortmunder Südtribüne gegen Leipzig diverse Spruchbänder zeigte, hatte nur ein Bruchteil strafrechtliche Relevanz. Trotzdem ließ das Sportgericht die gesamte Südtribüne sperren. Es wollte abschrecken. Kollektivhaftung ist im deutschen Recht aus guten, historischen Gründen jedoch nicht vorgesehen.

Bundesweite Stadionverbote

Stadionverbote stehen bei Fans seit Jahren in der Kritik. Normalerweise können sie von Vereinen ausgesprochen werden, wenn sie erfahren, dass gegen Personen Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Die Einleitung eines Verfahrens durch die Polizei sagt aber nichts über eine mögliche Schuld aus. Deswegen ist schon die Datenweitergabe der Polizei an die Vereine fraglich. Obwohl Stadionverbote als Präventivmaßnahme gelten, werden sie von Fans als Strafe empfunden. Die Beweispflicht ist umgekehrt. Ein bloßer Verdacht reicht erst einmal aus. Die Beschuldigten müssen den Beweis erbringen, dass sie unschuldig sind. Der DFB spricht seit einiger Zeit auch Stadionverbote für Geschehnisse außerhalb der Stadien aus, etwa auf Anfahrtswegen. Im November 2016 belegte er 48 Karlsruher mit Stadionverbot. Drei Monate später hob er 46 Verbote wieder auf, weil die Betroffenen von der Staatsanwaltschaft nicht beschuldigt wurden. Dass so schnell aufgeklärt wird, ist allerdings die Ausnahme. Oft vergehen Monate, bis Beschuldigte ihre Unschuld beweisen können.

Der Protest wird anhalten

Chinas U20

Die Nachricht, dass Chinas U20 außer Konkurrenz am Spielbetrieb der Regionalliga Südwest teilnimmt, verursachte in der Sommerpause Aufruhr. Amateurvereine wie der FK Pirmasens, die aufgrund des komplizierten Regionalligasystems absteigen mussten, fühlen sich vom Verband im Stich gelassen. Waldhof Mannheim und andere Vereine werfen dem DFB Bevormundung vor. Der hatte seine Entscheidung getroffen, ohne sie mit den Vereinen diskutiert zu haben.

50+1-Regel

Die Angst vieler Fans, dass ihre Vereine an Investoren verkauft werden, soll durch die 50+1-Regel gebannt werden. Sie sichert den Vereinen Entscheidungsgewalt zu, auch wenn sie mehrheitlich im Besitz von Investoren sind. In Hannover kann man sehen, wie verbissen die unterschiedlichen Interessengruppen um Vereine kämpfen. Während der Mäzen Martin Kind bereits den Kauf zu seinen Gunsten vermeldet, wehren sich Fans juristisch. Dietmars Hopps Hoffenheim und Dietrich Mateschitz’ Leipzig sind weitere Beispiele mäzengeführter Vereine, die die 50+1-Regel untergraben, aber von den Verbänden hofiert werden. Hüter der 50+1-Regel ist eigentlich die DFL. Vor allem in der Anfangsphase von RB Leipzig hat aber auch der DFB in seinem Landesverband Sachsen immer wieder seine Regeln zugunsten von RB und zu Ungunsten der Konkurrenten außer Kraft gesetzt.

WM 2006

Das Sommermärchen ist nicht sauber. Viele Indizien sprechen sogar dafür, dass die WM 2006 gekauft war. Franz Beckenbauer kann oder will nicht erklären, wozu 6,7 Millionen Euro in dunklen Kanälen nach Katar floss. Dennoch behauptet der DFB-Chef Reinhard Grindel, dass die WM 2006 nicht gekauft war. Die Fans werfen dem DFB vor, nicht genügend für die Aufklärung zu tun, während er Fehlverhalten an anderer Stelle schnell und übertrieben bestraft.

Worum es in dem Protest nicht ging: Pyrotechnik, das traditionelle Thema der Ultras. Sie wissen wohl, dass die Fronten festgefahren sind. Auch wenn Andreas Rettig, der Geschäftsführer des FC St. Pauli, im Deutschlandfunk feststellte, dass man trotz immer härterer Strafen Pyrotechnik in den Stadien nicht verhindern könne und man sich vielmehr Gedanken machen solle, wie bei deren Nutzung der Schaden für alle anderen so gering wie möglich bleibe.

Auch der DFB-Chef Grindel war auf die Fans zugegangen. Mit seinem Dialogangebot vom vergangenen Mittwoch versuchte er die Proteste vor dem Start der neuen Spielzeit zu beschwichtigen. Auch die Rücknahme eines Gästeverbots an Hansa Rostock sollte die Situation entkrampfen. Das klappte nicht.

Innerhalb der Ultraszene haben die Proteste breite Zustimmung erhalten, sie werden jedoch nicht von allen geteilt. Die Ultras Gelsenkirchen veröffentlichten in ihrem Spieltagsflyer eine Erklärung, in der sie die Proteste als "blinden Aktionismus ohne ein klares Konzept und vor allem ohne eine notwendige Selbstreflektion in den eigenen Reihen" bezeichneten. Da sich jedoch Gruppen wie das Stuttgarter Commando Cannstatt oder die Ultras Nürnberg beteiligen, die jahrelange Erfahrung mit lokaler, regionaler und überregionaler Politik haben, kann man davon ausgehen, dass die Schalker Kritik ins Leere läuft. Wer sich in der Szene umhört, weiß: Das war's noch nicht. Der Protest wird weitergehen, er wird sogar vertieft.

Anmerkung: In der ursprünglichen Version dieses Artikels fehlte der folgende Transparenzhinweis: Der Autor war bis 2011 bei einer Ultra-Gruppierung von Dynamo Dresden aktiv.