Wem gehört der Fußball? Am Montagabend wurde in Hannover fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eine wichtige Antwort auf diese ewig aktuelle Frage gegeben. Der Aufsichtsrat von Hannover 96 hat dem Verkauf seiner Anteile am Fußballgeschäft an Martin Kind mit einem 3:2-Entscheid zugestimmt. Der Vorstand hatte dies bereits im Juni beschlossen. Der langjährige Präsident von 96 hat lange darauf hingearbeitet, er wähnt sich am Ziel.

Grundsatzentscheidungen werden in Fußballvereinen von den Mitgliedern bestimmt. Das hat Tradition in Deutschland und ist sogar Gesetz. Die sogenannte 50+1-Regel des DFB und der DFL besagt, dass die Stimmenmehrheit beim Verein liegen muss. Sie beschränkt den Einfluss von Investoren und allmächtigen Bossen wie Kind. Der aber möchte vom Willen des Volkes unabhängig sein, und das wäre er, wenn er die 51 Prozent der Stimmanteile an der Hannover 96 Management GmbH kaufen würde.

Für viele wäre dies das Ende der 50+1-Regel in Hannover. Ihr Wegfall würde für viele Fans den Ausverkauf ihrer Vereine, gar ihres Sports, bedeuten. Wobei man sagen muss, dass die ohnehin umstrittene Regel mancherorts längst umgangen wird. Für Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg und Hoffenheim gelten Ausnahmeregeln. Leipzig hält sich nur auf dem Papier an die Auflagen.

Sollte sich Hannover nun verkaufen, wäre das eine Art Lex Kind. Die DFL hat vor einigen Jahren beschlossen, dass ein Investor, der sich 20 Jahre bei einem Verein engagiert, alle Anteile kaufen darf. Das ist auf Kind zugeschnitten, der ist in Hannover seit 1997 dabei, also genau 20 Jahre. Diese Lex Kind wurde 2015 erstmals von Dietmar Hopp zur Übernahme der TSG Hoffenheim genutzt.

Kind hat Verdienste in Hannover, aber auch einige Kritiker. Sie haben sich in der Interessengemeinschaft Pro Verein zusammengefunden. Sie sagen voraus, dass eine Loslösung des Gesamtvereins vom Profifußball ideellen Schaden bei 96 anrichten wird. Und sie fürchten ganz konkrete finanzielle Einbußen für den Breitensport. Von Hannovers rund 20.000 Mitgliedern sind etwa 12.500 fördernde Mitglieder, die vor allem aufgrund der Treue zur Fußballabteilung und den damit verbundenen Vergünstigungen in den Verein eingetreten sind. Ihre Mitgliedsbeiträge finanzieren aber auch Sparten wie Leichtathletik, Triathlon, Tanzen oder Behindertensport.

Für 'n Appel und 'n Ei

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Kaufpreis. Die Anteile kosten 12.750 Euro. Ein Gutachten schätzt jedoch alleine ihren reellen Wert auf einen acht- bis neunstelligen Betrag.

Doch so einfach ist das Spiel für Kind nicht. Die Mitgliederversammlung des Vereins hat nämlich Ende April die 50+1-Regel gestärkt. Zwar scheiterte ein Satzungsänderungsantrag, der den Verkauf der Anteile an Kind verhindern sollte, mit mehr als 60 Prozent Zustimmung knapp an der Zweidrittelmehrheit. Doch ein weiterer Antrag wurde mit deutlicher Mehrheit angenommen: Er besagt, dass der Verein erst die Mitglieder in einer Versammlung über den Verkauf entscheiden lassen muss. 

Ebenso wurde dem Vorstand der Auftrag erteilt, die Markenrechte von Hannover 96 von der Hannover 96 KGaA zurückzukaufen, laut früheren Vereinbarungen mit Kind zum damaligen Kaufpreis von etwa 1,3 Millionen Euro. Ihr Gesamtwert wird auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Zum Vergleich: Die Profiabteilung von Eintracht Frankfurt überweist ihrem Verein für die Nutzung der Markenrechte jährlich rund eine Million Euro, mit denen der Breitensport und andere soziale Aktivitäten finanziert werden.

Der Gang vor das Gericht

Über beide Entscheidungen verliert Hannover 96 in einer aktuellen Pressemitteilung keine Silbe. Überhaupt zeigt der Umgang Kinds mit den Beschlüssen der Mitglieder sein Verständnis von Demokratie. Er hat sie mehrfach lediglich als Handlungsempfehlung dargestellt, nicht aber als bindend. Wie wenig er von Mitbestimmung hält, zeigt das Beispiel von etwa 120 Menschen, denen bislang die Mitgliedschaft verweigert wurde.

Kind kommt entgegen, dass das Konstrukt Hannover 96 mit seinen Gesellschaften und Beteiligungen investorenfreundlich aufgebaut ist. Die Profifußballabteilung betreibt die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA. Diese gehört wiederum der Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG. Seit 2014 besitzen Kind und eine von ihm angeführte Investorengruppe alle Anteile an dieser Kommanditgesellschaft. Um 50+1 formal zu wahren, hat der Gesamtverein über die Hannover 96 Management GmbH bis jetzt ihren Geschäftsführer bestimmt.

Kinds Kritiker jedoch sehen in den Entscheidungen des Vorstands und des Aufsichtsrates, sich an Kind zu verkaufen, Satzungsverstöße. Der Rechtsanwalt Andreas Hüttl ist von mehreren Mandanten damit beauftragt worden, juristische Möglichkeiten zu suchen, die den Verkauf verhindern. 50+1 ist in Hannover keinesfalls Geschichte. Der Kampf geht nur in die nächste Runde.