Eine mehr als zehn Jahre alte Szene ist vielen Bayernfans von Hasan Salihamidžić in Erinnerung: Nach einem weiteren Titelgewinn mit den Bayern wollte er Uli Hoeneß nach alter Vereinstradition mit Bier übergießen, doch der, im Fernsehstudio am Mikro stehend, befahl: "Ich hab nur eine Hose, Hasan, nein!" Salihamidžić ließ tatsächlich ab, überraschenderweise, denn vor seiner Bierdusche war eigentlich niemand sicher. Doch auf den Big Boss hörte er. Stefan Effenberg hätte vielleicht durchgezogen.

Brazzo, wie Salihamidžić alle nennen, hatte oft das große Glas in der Hand. In seinen neun meist erfolgreichen Jahren bei den Bayern war der Bosnier sowas wie der offizielle Bierduschenbeauftragte des Vereins. Der Höhepunkt war der Sieg in der Champions League 2001. Salihamidžić, eher Kämpfer als Spieler, hat eine erstaunliche Karriere als Fußballer hingelegt, gemessen an seiner Fähigkeit am Ball gar eine sehr erstaunliche. Dass er mehr Spiele für die Bayern bestritten hat als jeder andere Ausländer, lag nicht zuletzt daran, dass er ein Sympathieträger war – im Verein und auch außerhalb.

Am Montag gab der FC Bayern überraschend bekannt: Der bisherige Markenbotschafter Salihamidžić wird der neue Sportdirektor. Es ist einer der wichtigsten Posten im deutschen Sport, formal zumindest. Salihamidžićs Vorzüge sind aus seiner Zeit in kurzen Hosen bekannt: Ihn mag jeder, er ist loyal zu allen, er hebt stets die Laune in Mannschaft und Verein. Er ist Bayerns Wohlfühllösung. Dass er, der fünf Sprachen und das Schafkopfen beherrscht, das Zeug hat zum sehr guten Sportdirektor, hat er allerdings noch nicht bewiesen, auch noch nicht angedeutet.

Eigentlich muss ein Sportdirektor Spieler ein- und verkaufen, ein guter Chef hat auch immer das Budget im Blick. Er soll Spieler entwickeln, ihnen auch mal die Grenzen ziehen. Die besten ihrer Zunft treffen Entscheidungen, auch mal harte und riskante, und denken strategisch.

Beim FC Bayern allerdings muss der Sportdirektor mit einer deutlich kleineren Rolle zufrieden sein, das zeigen die jüngsten zwei Versuche. Christian Nerlinger (2009 bis 2012) wuchs nicht in die Rolle rein und wurde nach wenigen Jahren gefeuert. Matthias Sammer (2012 bis 2016) war vor allem rhetorisch aktiv. Die wenigen Spieler, die er kaufte, sind alle längst wieder weg. Beide, Nerlinger und Sammer, konnten sich keinen Status erarbeiten. Im Verein wird kaum jemand behaupten, dass sie bei den jüngsten Erfolgen eine Hauptrolle gespielt hätten.

Ähnliche Personalie wie der neue Co-Trainer

Beiden wurde aber auch kaum Spielraum gewährt, beide verließen angeschlagen den Verein. Das hat vor allem mit zwei wichtigen Männern zu tun: Karl-Heinz Rummenigge und vor allem Uli Hoeneß. Der ist nach seiner Haft nicht nur zurückgekehrt, offenbar will er sogar etwas wiedergutmachen. Philipp Lahm, der wohl die Ideallösung für den Job gewesen wäre, hat mit der Begründung abgesagt, dass Hoeneß noch zu viel Macht beanspruche. "Neben Hoeneß ist erstmal kein Platz für mich." Ähnlich dürfte Max Eberl gedacht haben, der das Angebot des Vereins ebenfalls ablehnte.

"Der Karl-Heinz und ich sind zuletzt viel Auto gefahren, da haben wir das eine oder andere Gespräch geführt", sagte Hoeneß jüngst. Die Idee Salihamidžić entstand im Fond, nicht nur deshalb wirkt sie wie eine Herzensentscheidung, was ja nicht immer das Schlechteste sein muss. Allerdings glaubt wohl niemand, dass er einmal die Nachfolge von Hoeneß, 65, und Rummenigge, 61, antreten wird. Man weiß auch nicht, was der Technische Direktor Michael Reschke von seinem neuen Vorgesetzten hält. Salihamidžić erinnert in seiner Miasanmiafolklorehaftigkeit auch an den neuen Co-Trainer Willy Sagnol, einen anderen Helden von 2001. Carlo Ancelotti wollte einen anderen.

Salihamidžić saß bei seiner Vorstellung zwischen Hoeneß und Rummenigge geradezu eingequetscht auf dem Podium. Als er gefragt wurde, wofür er in seinem neuen Job zuständig sei, stockte er und blickte zur Seite. Bevor er selbst etwas über "Loyalität" und "Familienanschluss" sagte, ließ Bayerns neuer Sportdirektor Rummenigge und Hoeneß antworten.