Frage: Herr Tygart, am Freitag beginnen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London. Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro waren überschattet von Doping-Skandalen. Wie sauber werden die Wettbewerbe in London sein?

Travis Tygart: Es tut sich zumindest etwas. Inzwischen haben die Verantwortlichen in der Leichtathletik immerhin eine unabhängige Anti-Doping-Organisation gegründet, die sogenannte Athletics Integrity Unit. Das ist ein Fortschritt. Noch bis vor Kurzem war der Weltverband IAAF blind in dieser Hinsicht, beziehungsweise wollte er nicht hinschauen auf die schmutzige Leichtathletik. Die IAAF war der Fuchs im Hühnerstall.

Frage: Berichten zufolge erhielten 2011 ranghohe Vertreter der IAAF eine Art Schutzgeld von Athleten, die auffällige Blutwerte hatten. Auch sind offenbar Blutproben jamaikanischer Sprinter, die Spuren eines Dopingmittels enthielten, von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nicht weiter verfolgt worden. Wie korrupt ist das System?

Travis Tygart, der Chef der US-Antidopingbehörde © John Thys /​ Getty Images

Tygart: Natürlich hat die Leichtathletik durch die grassierende Korruption unter hochrangigen Funktionären ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem. Dies führt dazu, dass viele saubere Athleten auch unter Verdacht stehen, und das ist sehr unfair. Es geht jetzt darum, dass sich die Wada und die internationalen Sportorganisationen schnell reformieren, um die Leichtathletik zu retten. Wir hoffen, dass das passiert. Aber das Zeitfenster, in dem gehandelt werden muss, wird sich schnell schließen.

Frage: Die US-Anti-Doping-Agentur gilt als erfolgreichste Einrichtung im Kampf gegen Doping. Aber wie sieht es mit den Anti-Doping-Agenturen weltweit aus?

Tygart: Jede Organisation muss besser werden, um letztlich saubere Athleten zu schützen, auch die US-amerikanische. Wir arbeiten jeden Tag hart dafür. In Russland aber arbeitete zuletzt keine Anti-Doping-Agentur, sondern eine Doping-Agentur. Diese half beim Betrügen der russischen Sportler und schickte sie schließlich zu Wettbewerben, bei denen sie sauberen Athleten die Siege stahlen.

Frage: Wie stark ist die Wada?

Tygart: Derzeit kontrolliert der Sport die Wada, und er wird das wohl auch noch weiter tun. Die Wada ist Einflüssen aus Sportmarketing und Sportpolitik ausgesetzt und so lange das der Fall ist, wird die Wada nicht erfolgreicher darin sein, saubere Sportler vor Dopingsündern zu schützen.

Frage: Die deutsche Anti-Doping-Agentur beklagt sich regelmäßig darüber, dass sie nicht genug finanzielle Mittel hat, um Doping bekämpfen zu können. Ist dies das Hauptproblem im Kampf gegen Doping?

Tygart: Natürlich sind die finanziellen Ressourcen ein Schlüssel im Kampf gegen Doping. Und die Sache ist ja: Das Geld ist da. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gab in seinem Finanzreport 2015 ein Vermögen von rund 1,4 Milliarden Dollar bekannt. Es fehlt derzeit aber der Wille, das nötige Geld für den sauberen Sport zu investieren.