Die Fans des Kapitalismus kommen zurzeit auf ihre Kosten. 222 Millionen Euro flossen vor knapp zwei Wochen für den brasilianischen Stürmer Neymar nach Barcelona. Gezahlt hat es Katar, denn der kaufende Verein, Paris St. Germain, gehört dem katarischen Staatsfonds. Nun wird das Geld weitergereicht, es fällt nach unten. Barcelona will Ousmane Dembélé, den Dortmunder Flügelstürmer. Doch die Borussia hat das kolportierte Angebot über 120 Millionen zunächst abgelehnt, will noch 30 mehr.

Dass die Preise zuletzt derart stiegen, liegt daran, dass im Markt inzwischen zwei neue neureiche Standorte des Weltfußballs kräftig investieren. "Immens viel Geld aus Katar und China erhöht nun die Preise, fast überall", sagt Martin Bader, der bei Hannover 96 Geschäftsführer Sport und beim 1. FC Nürnberg Sportvorstand war.

Fernab von der moralischen Bewertung, dreistellige Millionensummen für einen 20-Jährigen auszugeben: Wie kommt eigentlich ein Wert von 150 Millionen Euro zustande? Wird er von Mathematikern errechnet? Nein, vor allem ist der Preis der Betrag, den ein Club bereit ist zu zahlen. Er wird bestimmt von der Marktsituation, Intuition, Zockerei, Fantasie und Größenwahn. Viele Faktoren fließen in den Transferwert ein. Wir haben uns jeden einzeln angeschaut, um herauszufinden, ob Ousmane Dembélé wirklich 150 Millionen Euro wert ist.

Die Qualität des Spielers

Der Franzose Dembélé hat erst eine Saison in der Champions League gespielt, doch sein außerordentliches Talent am Ball sticht ins Auge. Er wirkt zwar manchmal unreif, riesenbabyhaft. Aber er kann Spiele gewinnen. Im Halbfinale des DFB-Pokals im April drehte der BVB dank ihm einen Rückstand in München. In manchen Situationen konnten ihn selbst vier Verteidiger der Bayern nicht halten. Ohne ihn hätte Dortmund wohl 4:1 verloren, mit ihm gewannen sie 3:2. "Offensive Spieler sind in der Regel teurer als defensive", sagt Bader.

Die Vertragssituation

Dembélés Vertrag läuft noch bis 2021, das erhöht den Marktwert. Der BVB könnte ihn auch noch in einem oder zwei Jahren für einen sehr hohen Preis verkaufen. Erst wenn ein Vertrag ausgelaufen ist, können Spieler ablösefrei wechseln. Je kürzer die Restvertragslaufzeit, desto billiger der Spieler, weil der kaufende Verein weiß, dass er im Zweifel nicht mehr lange warten muss. Dembélé ist zudem erst vor drei Monaten zwanzig geworden, hätte also, selbst wenn er nicht einschlägt, einen Wiederverkaufswert.

Der abgebende Verein

"Deutsche Vereine müssen nicht verkaufen", sagt Bader. Erstens weil sie inzwischen wirtschaftlich gesund seien. Zweitens würden Sportdirektoren nicht an wirtschaftlichem Erfolg gemessen, sondern vermehrt an sportlichem. "Die Tabelle ist wichtiger als die Bilanz. Christian Heidel zum Beispiel steht in der Kritik, weil er mit Schalke den Europapokal verpasste. Kein Mensch rechnet ihm an, dass er Leroy Sané für die vor einem Jahr noch enorm hohe Summe von 50 Millionen Euro verkauft hat."

Auch die Dortmunder müssen nicht verkaufen, heißt: Sie können sich ein Nein erlauben, selbst als Aktiengesellschaft. Hinzu kommen die Opportunitätskosten eines Verkaufs. Mit Dembélé würde der BVB wahrscheinlich höhere Prämien einfahren, etwa im TV-Ranking der Bundesliga oder in der Champions League. Da kann der BVB mit 40 bis 60 Millionen Euro Einnahmen pro Saison rechnen.

Auf der anderen Seite könnte leicht preismindernd wirken, dass die Borussia dafür bekannt ist, ihre besten Spieler nicht halten zu können. Sahin, Kagawa, Lewandowski, Götze, Gündoğan – alle gingen. Das muss nicht immer nur eine Frage der Finanzen sein, die Führung des BVB, inklusive Trainer, hat es noch nicht geschafft, den Verein in die erste europäische Liga zu führen. Das schwächt die Verhandlungsposition.

Die Spieler wissen das, haben den längeren Hebel. Ihr Wille gibt in den meisten Fällen den Ausschlag, Vertrag hin oder her. Zusammen mit ihrem Berater treiben sie Spielchen. Dembélé schwänzte des Training. Das war möglicherweise ein arbeitsrechtlicher Verstoß, aber zu hart darf die Borussia den Spieler nicht bestrafen, sonst sinkt vielleicht sein Verkaufswert.

Barcelona muss kaufen

Der kaufende Verein

Dieser Sport ist öffentliches Monopoly. Und Barcelona hat gerade überraschenderweise die Schlossallee verloren. Weil der Fußballmarkt transparent ist und Ablösesummen die Schlagzeilen bestimmen, wissen alle: Der Verein hat sehr viel Geld und "muss" kaufen. Zudem hat er am Wochenende das Supercupspiel gegen Real Madrid verloren, Zeitungen und sogar Spieler fordern neue Spieler.

"Der kluge Sportdirektor kennt das Einkaufverhalten seines Gegenübers", sagt Bader. Barcelona kauft nicht so oft wie andere Vereine dieser Größe, hat aber Geld, das weiß jeder. Jetzt, nach dem Neymar-Verkauf, erst recht. Im Markt ist auch bekannt, dass Barcelona nur aus Überzeugung Spieler holt, nicht auf gut Glück. Der Verein hat einen ausgezeichneten Ruf im Scouting, Headhunting und High Potential Recruiting, einen weit höheren als Bayern München zum Beispiel. "In Spanien hat der Verein mehr zu sagen als der Trainer, das Gegenbeispiel ist England", sagt Bader. Für Barca kommen nur wenige Spieler infrage. Wenn der Verein Interesse an einem Spieler bekundet, ist er entschlossen. Das kann den Kaufpreis erhöhen.

Ein Beispiel: Barça hat nun den brasilianischen Mittelfeldspieler Paulinho für 40 Millionen Euro gekauft. Das ist exakt der Preis, den der chinesische Verein Guangzhou Evergrande schon vor gut drei Monaten verlangt hatte.

Die Vermarktbarkeit des Spielers

Manche Spieler haben einen hohen PR-Wert, viele Fans kaufen Trikots mit seinem Namen. Der Marktwert des Popstars David Beckhams lag zum Beispiel über seinem sportlichen, auch wegen seiner Frau Posh Spice. "Dieser Effekt auf den Preis wird aber von der Öffentlichkeit überschätzt", sagt Bader. Dembélé dürfte zudem einen geringen Beckham-Faktor haben. Und wenn doch, hat er ihn bisher gut versteckt.

Der Zeitpunkt

Die Transferperiode endet erst in drei Wochen, der Zeitpunkt hat zurzeit keinen Effekt auf den Preis. Am Ende lässt sich pokern. "Englische Vereine sind dafür bekannt", sagt Bader, "dass sie am letzten Tag noch mal ordentlich drauflegen."

Die Folgekosten

Zunächst müsste Dortmund laut Vereinbarung wohl 25 Prozent der Ablösesumme an Stade Rennes weiterleiten, woher Dembélé vor einem Jahr für etwa 15 Millionen Euro gekommen war. Zu versteuern ist sie auch.

Die Borussia müsste weitere indirekte Verluste abziehen. Es wäre plötzlich der BVB, der Spieler kaufen muss und zudem viel Geld hat. "Dortmund kann und wird dann wieder mehr zahlen, das wissen dann alle anderen", sagt Bader. Ein Stück von dem vielen Geld aus Katar kann irgendwann auch in Gladbach, Freiburg, Dresden, Würzburg oder Essen landen.

Fazit

Ousmane Dembélé ist ein hervorragender Fußballspieler, sicherlich eines der größten Talente des Weltfußballs. Ob er Titel gewinnen kann, muss er allerdings noch zeigen. Die vom BVB geforderten 150 Millionen Euro sind deshalb sehr, sehr hoch. Sie sind vor allem ein Produkt der außergewöhnlichen Marktsituation, der Geldspritze aus Katar.