Alles war eigentlich wie immer. Usain Bolt blödelte und sagte, was er immer sagt: dass er der Größte ist und auch sein letztes Rennen gewinnen will. Er stand da wie ein Bogenschütze, der er einen Pfeil in den Himmel schießen will. Seine Geste.

Doch dann passierte auf der Londoner Pressekonferenz vor ein paar Tagen etwas anderes als sonst. "Es kann nicht mehr schlimmer werden", sagte Bolt und wurde grundsätzlich, "der einzige Weg, der der Leichtathletik noch bleibt, ist der nach oben." Was er meinte: Die Leichtathletik ist ramponiert worden von korrupten Funktionären und schummelnden Sportlern. Sie ist kaputt. Da sorgt sich einer auf der Zielgeraden seiner Karriere um seinen Sport. Nicht irgendeiner, sondern der Größte.

Ein letztes Mal tritt er noch an

Die Rolle des Mahners ist eine neue für Bolt. Bisher hatte er sich damit begnügt, dem maroden Sport durch seine Show ein wenig Lack zu verleihen. Doch kurz bevor er in diesem Jahr aufhört, scheint er ernst zu werden.

Am Samstag wird er bei der WM in London zum letzten Mal die 100 Meter fliegen, eine Woche später nochmal mit der Staffel. Dann ist Schluss. Vielleicht gewinnt er nicht mal, andere waren in diesem Jahr schneller. Doch das ist nicht so wichtig. Unbestrittene Höhepunkte dieser WM werden seine letzten Rennen.

So wie das in den vergangenen zehn Jahren immer war: Bolt war die Leichtathletik. Diese Epoche der ältesten olympischen Disziplin ist seine. "Ohne ihn wäre die Leichtathletik tot", sagte Deutschlands berühmtester Sprinter Armin Hary. Bolt ist der einzig übrig gebliebene Held.

Usain Bolt war der Botschafter seines Sports

Immer wenn bei olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften der Startschuss der 100-Meter-Finals ertönte, hielten selbst die Kritiker für knapp zehn Sekunden die Luft an. Wurde zu lange über Epo-Werte und gesperrte Kugelstoßer gesprochen, schritt er ein. Es begann schon bei den Vorläufen. Meist genügte es, wenn Bolt das Stadioninnere betrat. Manchmal raunten volle Stadien, wenn nur die Bilder vom Warmmachen aus einer Nebenhalle über die Leinwand flackerten.

Vor dem Start fuhr er sich manchmal über die Glatze und grinste, als hätte er von Jamaikas Nationaldroge geschnuppert. Er ging ganz nah an die Kamera und sprach zur Welt. Er war der Botschafter eines Sports. Dann tanzte er wie einer, der den Konkurrenten sagen will, dass er die 100-Meter auch im Reggae-Schritt gewinnen würde. 2008 in Peking holte er Gold mit offenem Schnürsenkel. Er baute sich seine eigene Fallhöhe, solchen Stießeln guckt man eigentlich gerne beim Scheitern zu.

Doch er lieferte. Seine Läufe ähnelten sich: Ein etwas träger Start, spätestens nach 50 Metern aber war er gleichauf mit der Konkurrenz. Im Ziel war er den hinter ihm Hechelnden nicht nur ein paar Hundertstel, sondern auch eine Showeinlage voraus. Er war ein sympathischer Irrer, ein fliegendes Großmaul, ein Teufel der Tartanbahn.

Der Sport verliert einen Helden

Acht olympische Goldmedaillen, zwölf WM-Titel, Weltrekordhalter auf allen seinen Strecken. Er ist der schnellste Mann der Welt, das kann nicht verhandelt werden wie eine Weltfußballerwahl. Er wird das vielleicht immer bleiben. Der Sport verliert einen seiner Helden.  

Eine Ikone ist er. Seine Siegergeste – den einen Arm wie bei einen Bogenschuss zu spannen und den anderen steil nach oben zeigen zu lassen – wurde ein Exportgut. Barack Obama imitierte ihn. Den Ehrenplatz in der Puma-Unternehmenschronik hat er sicher. Der Sport ist mittlerweile die vielleicht größte Unterhaltungsindustrie. Bolt ist der Showmaster mit dem Primetime-Sendeplatz.  Seinetwegen kommen die Fans ins Stadion. Man muss ihn lebend gesehen haben, um später solche Geschichten beginnen zu können: "Damals in Berlin …" oder "Als Bolt in Peking …". Bei anderen Athleten staunen die Zuschauer, bei Bolt kommen sie, um Zeuge zu werden. 

Sogar unter Athleten ist er beliebt, weil er ihnen das Gefühl gibt, trotz seines Ruhms einer von ihnen zu sein. Als er in Rio noch von seinem Goldlauf keuchte, die dämlich aussehende, kanariengelbe Sponsorenmütze aber schon auf dem schweißperlenden Kopf, kamen die Siebenkämpferinnen gerade von der Siegerehrung. Bolt hielt für ein Foto mit allen drei an. Er war der Beste und lässig dazu. Er ist auch DJ und liebt Fastfood. 

Man wäre diesem Schelm gerne vorbehaltlos verfallen. Doch das geht nicht.