Beachvolleyball ist die Inkarnation des Sommers. Wie in kaum einem anderen Sport stehen die Strandathleten für den perfekten Mix aus Lifestyle und Ambition. Viel nackte Haut, Partygewumme auf den Tribünen, ein wenig Show. An der Attraktivität des Sports kann selbst der deutsche Sommer, eigentlich ja ein Oxymoron, nichts ändern. Wenn sich am Wochenende die besten Beachvolleyballer treffen, um vor wohl wieder 70.000 Zuschauern am Timmendorfer Strand die Deutschen Meister zu küren, dann tun sie das bei kühlen 19 Grad.

Vor zwei Wochen beim Supercup am Hamburger Rothenbaum gießt es zwischendurch aus Kübeln. Die Volleyballer trotzen dem Wetter. Allen voran dieser 2,06-Meter-Riese namens Alexander Walkenhorst. Als er einen Ball ins gegnerische Feld drischt, dass der Sand nur so wegspritzt, raunt ein älterer Zuschauer: "Der kann aber ganz schön ballern."

Wenn Alex, wie ihn hier fast alle nennen, ins Stadion läuft, tönt aus den Boxen der bekannte Titel der Toten Hosen. Alex Walkenhorst ist eine Marke auf der deutschen Beachtour. Seit gut zehn Jahren ist er dabei, einer der erfahrensten deutschen Athleten. Für ihn ist das Turnier in Hamburg das dritte binnen einer Woche. Vorher war er zum Europacup in Liechtenstein, danach bei der EM in Lettland.

200 Euro für einen vierten Platz

Als der Schiedsrichter einen technischen Fehler gegen Walkenhorst und seinen heutigen Beachpartner Lars Lückemeier pfeift, legt sich Walkenhorst mit dem Referee an. Mit deutlichen Worten redet er auf ihn ein, fängt sich aber bloß zwei Karten. Kopfschüttelnd blickt er gen Himmel. Der Stadionsprecher ruft: "Einen Applaus für das 'Enfant terrible', Alexander Walkenhorst!", und spielt den Song Bestrafe mich von Rammstein. Walkenhorst muss lachen, das Publikum auch.

Seine offene Art ist es, die Alex Walkenhorst bei den Fans so beliebt macht – sie lässt ihn aber auch anecken. Auf wie neben dem Spielfeld spricht er Dinge aus, die andere nicht hören wollen. So auch Mitte Mai. Auf dem Rückweg von einem Turnier in Nürnberg schreibt er im Zug einen Facebook-Post, mit dem er in der beschaulichen Welt des Beachvolleyballs etwas lostritt. 

"Leute von der Tour haben mich angerufen und gefragt: Musst du das nach außen tragen?", erzählt er. "Auf der anderen Seite habe ich auch unglaublich viel Zustimmung erhalten." Offiziell ging es ums Preisgeld. Eigentlich aber um etwas viel Wichtigeres: die Anerkennung einer Lebensleistung.

Die Tribünen sind fast immer voll

Als Alex und sein eigentlicher Teampartner, das momentan verletzte Volleytalent Sven Winter, in Nürnberg Vierte werden, bekommen sie einen Scheck über 200 Euro. Das reichte gerade mal für Kost und Logis. Der ganze Aufwand war ein Nullsummenspiel – mal wieder. Dabei gehörten Walkenhorst und sein Partner noch zu den Besten. 80 Prozent der Teilnehmer gingen mit Verlust aus dem Turnier.

"Wenn du weißt, dass du großer Bestandteil davon warst, dass 60.000 Leute ein gutes Wochenende hatten, dann steht das – verdammt noch mal – in gar keinem Verhältnis!", sagt Walkenhorst. Beachvolleyball ist bundesweit Publikumsmagnet. Spätestens mit dem Olympia- und WM-Erfolg der Beachköniginnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, Alex' Schwester, hat der Sport deutsche Wohnzimmer und Freibäder erobert. Überall fliegt ein Volleyball über das Netz. Gleichzeitig exportiert die heimische Beachserie einen ganzen Sommer lang Strandgefühl in Städte wie Münster, Nürnberg oder Duisburg. Die Tribünen sind fast immer voll.

Nur Amateure auf hohem Niveau

Und so passt der Facebook-Post so gar nicht zum Sorglos-Lebensstil, für den der Beachvolleyball steht. Die Wahrheit: So gut wie kein heimischer Beachvolleyballer kann auch nur ansatzweise von seinem Sport leben. Seit fünf Jahren hat sich bei den Turnierpreisgeldern nichts bewegt. Die stärksten deutschen Strandathleten sind nur Amateure auf hohem internationalen Niveau.

Dennoch lässt Alex Walkenhorst so gut wie kein Turnier der Serie aus. Auch Hamburg nicht, obwohl er dafür eigens zwei Flüge buchen musste – je nach Abschneiden bei der EM in Lettland. Freitag beachte er noch am baltischen Strand, Samstag am Hamburger Rothenbaum. Als Alex im Halbfinale spürt, dass es eng werden könnte, wechselt er vom gefühlvollen Flatter- zum harten Sprungaufschlag, holt sozusagen das Brecheisen raus. Der Gegner hat jedoch die entscheidenden Reserven mehr, kratzt Bälle, die Walkenhorst nicht kratzt. Auch Lückemeier, Alex' Abwehrpartner, wirft sich ein ums andere Mal in den Sand, doch es reicht nicht.

Das Preisgeld wird unter allen aufgeteilt

Beachvolleyball ist ein fordernder Sport. Braucht es in einem Moment explosive Schnellkraft, benötigt man im nächsten Adleraugen, kühlen Kopf, ein ruhiges Händchen. In Hamburg sind die Gegner am Ende frischer. Das liegt an Walkenhorsts Beachmarathon, aber nicht nur. "Wer sich jeden Tag im Sand fragen muss, ob er statt zu trainieren lieber kellnern oder pauken sollte, um heute und in Zukunft irgendwie über die Runden zu kommen, kann niemals sein ganzes Niveau ausreizen", sagt er.

Am Ende des Sonntags werden er und sein Partner Vierte. Das Turnier ist ein sogenannter Super Cup und damit höher dotiert als das Nürnberger Event. Diesmal streicht Alex 600 Euro ein. Das haben schon allein die Flüge fast aufgefressen. Kellnern wäre in der Tat lukrativer gewesen. Auf der Tribüne weiß das aber so gut wie keiner. "Das Publikum geht davon aus, dass der Turniersieger die ausgeschriebenen 40.000 Euro mit nach Hause nimmt. Mir ist es fast peinlich zu sagen, was wirklich bei rumkommt", sagt Walkenhorst.

Viele Leute wissen nicht, dass das Preisgeld für die gesamte Veranstaltung gilt. Also dass es durch 32 Teams – Frauen und Männer – à zwei Sportler pro Mannschaft geteilt wird. Alex, der immer offen für einen Schnack mit den Zuschauern ist, muss das häufig erklären. "Aber – und das ist das Wichtige: Die Zuschauer würden dem Sieger ohne Zweifel die komplette Summe – also die 40.000 Euro – für seine Leistung und Arbeit zusprechen."

Eine andere Einstellung bekommt Alex zu spüren, wenn er mit Menschen redet, die mit Sport wenig am Hut haben – meist solche aus Chefetagen, Marketingabteilungen oder Behörden. Geldgebern also. "Meine Erfahrung zeigt: Die Wertigkeit als Sportler ist in Deutschland die geringste weltweit. Und das mit Abstand. Die Leute sehen nur: Der ist 29 und hat sein Studium noch nicht fertig. Sie erkennen nicht, dass ich jährlich Herzblut, Organisation, mehr als tausend Stunden Training und viele zehntausend Euro in meine Passion stecke, um ein internationaler Topsportler zu sein. Dafür gebe ich seit zehn Jahren immer hundert Prozent. Welcher Endzwanziger kann das schon von sich sagen? Doch statt Anerkennung zu erfahren, werde ich einfach nur belächelt."

Ein ferner Traum

Anerkennung gibt es für Nicht-Fußball-Sportarten scheinbar nur, wenn das Maximum erreicht wurde. Das Maximum, das sind im Damen-Beachvolleyball zurzeit Alex' Schwester Kira und Laura Ludwig. Die Olympiasiegerinnen sind so ziemlich die einzigen deutschen Beacher, die ihren Sport sorgenfrei ausüben können. Das bedeutet, dass sie die Einzigen sind, bei denen Sponsoren ihren Trainings- und Reiseetat – rund 270.000 Euro – komplett finanzieren. Und am Ende bleibt noch etwas für die Zukunft übrig.

Mittlerweile hilft der Name. "Wenn jemand Walkenhorst hört, dann muss er gleich an Beachvolleyball denken. Das ist für einen Sportler in Deutschland, der kein Fußballer ist, ein Ritterschlag. So muss man das ganz klar sagen", sagt Walkenhorst. Für das übrige Beach-Deutschland bleibt das zumeist ein ferner Traum – sowohl was den Namen, als auch die Zukunftssicherheit anbelangt.

Im Fußball stecken dagegen Milliarden

Zuletzt bekam das Julia Großner zu spüren, die mit Walkenhorst in Lettland bei der EM war. Dort spielte die Berlinerin das Turnier ihres Lebens, besiegte die Topstars der Branche –  auch Ludwig/Walkenhorst - und krönte sich zur Europameisterin. Eine Woche vorher wurde sie aus dem deutschen Nationalkader geworfen. Spitzenförderung im Beachvolleyball – wie überhaupt in Deutschland – wird derzeit stark zentralisiert und auf wenige Athleten runtergebrochen. Potenzialmaximierung heißt das. Wer nicht im Nationalkader ist, hat kaum Chancen auf Unterstützung vom Verband. Der Fall Julia Großner ist nicht gerade ein Argument für die Zentralisierung. 

Das Phänomen der Zentralisierung findet sich jedoch auch in der Wirtschaft. Während auf der einen Seite Milliarden an Sponsorengeldern in den Fußball versenkt werden, müssen andere Sportarten um ihre Existenz bangen. Auch die deutsche Beachtour. Der Hauptsponsor Smart und der Fernsehsender Sky ziehen sich zum Ende dieser Saison zurück. Erst kürzlich konnten Sport1 sowie die Techniker Krankenkasse als Nachfolger gewonnen werden, was jedoch wohl nichts an den Preisgeldern ändern wird.

"Weil dich jeder für bekloppt erklärt"

Das finanzielle Martyrium seiner und anderer Sportarten lastet Alex Walkenhorst dennoch nicht dem Fußball an. "Offenbar haben die vor ein paar Jahren einiges richtig gemacht. Was jedoch gewaltig stinkt, ist die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Leistungssport", sagt er. "Vor allem beim Beachvolleyball gibt es mündige, authentische Sportler. Wir sind gute Identifikationsfiguren von der Leistung und vom Charakter her. Viele Menschen mögen und spielen Beachvolleyball, die Verbreitung ist riesig. Warum sehen Sponsoren und Medien das nicht?"

Nur was muss passieren, damit sich etwas ändert? Braucht es mehr Mut? Walkenhorst überlegt einen Augenblick. Es ist eine Frage, auf die es keine vernünftige Antwort gibt. "Firmen brauchen keinen Mut für so etwas. Sich von einer Monokultur abzuwenden ist kein Mut. Das ist Umdenken, das ist Logik."

Als sich der Hamburger Super Cup dem Ende zuneigt, steht Alex Walkenhorst vor dem Hauptaufgang der Tribünen. Im Innenraum läuft gerade das Herren-Finale, für das es an diesem Tag nicht gereicht hat. In Zukunft wird es für ihn nicht leichter. Seine Anstellung als Sportsoldat könnte möglicherweise nicht verlängert werden. Trotzdem will er sein Profi-Pensum noch fünf oder sechs Jahre durchziehen. Olympia 2020 in Tokio ist das große Ziel. "Danach, ab Mitte 30, wird es schwierig. Nicht wegen der Leistung, sondern weil dich dann jeder in Deutschland für bekloppt erklärt und fragt: Warum hast du noch keine 'normale Arbeit'? Warum machst du noch Leistungssport?"

Doch Walkenhorst sieht nicht so aus, als ob er einen Moment seiner Karriere bereut hätte. "Ich habe mich selbst verwirklicht. Ich kann aufrecht in den Spiegel schauen. Jeder, der dieses Feuer in sich spürt, Sport zu treiben, soll das machen. Allein, damit Leistungssportler nicht mehr für bescheuert erklärt werden."