Deutschlands Rechte trauen sich wieder mehr. In drei Wochen wird Alexander Gauland, der Menschen entsorgen will, seinen Einzug in den Bundestag feiern, und im Fanblock der Nationalmannschaft ergänzen die Nazis den üblichen deutschen "Sieg"-Chor nicht mehr nur gedanklich mit "Heil", sondern tatsächlich. Bisher hatten sie sich den zweiten Teil meist nur gedacht.

Die Mannschaft hat schnell und gut auf die Jungs aus Sachsen, das ja nicht weit weg liegt von Prag, aber auch auf die aus dem Rest des Landes reagiert. Mats Hummels und Julian Brandt haben sich noch auf dem Platz als mündige Fußballer erwiesen. Der DFB-Präsident Reinhard Grindel hat klare Worte gefunden, inzwischen auch Joachim Löw, der direkt nach dem Spiel nichts gehört haben wollte. Gut, dass der DFB auf Distanz geht.

Man muss nun aber nicht so tun, als wäre gerade eine Welt zusammengestürzt. Die Fans der Nationalmannschaft waren, sind und bleiben ein Problem, daran hat auch das verklärte Sommermärchen nichts geändert. Für Schland schwenken nicht nur aufgeklärte Patrioten die schwarzrotgoldene Fahne, auf Auswärtsreisen sind auch immer Nazis dabei, speziell in Osteuropa, weil sie dort leichter an Tickets kommen.

"Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!"

Ein paar Beispiele: 2007 lieferten sich deutsche Fans in Prag Schlachten mit der Polizei, grölten Wehrmachtslieder und riefen "Böhmen bleibt deutsch". Bei einem Spiel in Schweden 2013 sah man mehrfach den Hitlergruß und hörte antisemitische Sprüche. Bei der EM 2016 tauchte in der Innenstadt von Lille zwei Mal die Reichskriegsflagge auf. In Lemberg hing 2012 während eines EM-Spiels ein Transparent mit einem Wahlspruch der SS im deutschen Block. Dem damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach fiel dazu nichts ein, als man ihn darauf ansprach.

Die Lieder der deutschen Fans sagen auch einiges:

  • Die Nummer 1 der Welt sind wir!
  • Mexiko der Böhsen Onkelz, die zumindest mal eine Rechtsrockband war
  • Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!

Es ist nicht nur der radikale Rand, auch der Durchschnittsdeutschlandfan ist dumpfbackiger. Fans anderer Nationen sind oft Botschafter, die Iren singen, die Schotten trinken, die Chilenen tanzen. Deutschlandfans führen sich im Ausland oft auf wie Besatzer, laut, marschierend, ihr Lachen hat etwas Aggressives. Auf dem Kopf trägt mancher eine Plastikpickelhaube.

Der DFB hat das bislang hingenommen, weggehört. Und vielleicht fallen seine Reaktionen nun aus anderen Gründen so deutlich aus. An diesem Abend in Prag waren nämlich auch die in deutschen Stadien schon längst verbreiteten Anti-DFB-Gesänge zu hören, dauerhaft und laut. Timo Werner wurde in Prag noch immer für seine Schwalbe geschmäht. Man möchte es dem DFB nicht unterstellen, aber die Nazirufe sind natürlich eine gute Gelegenheit, die Proteste im Gesamten zu diskreditieren.

Nazirufe und Fußballmafia-DFB-Chöre sind zwei verschiedene Sachen

Das sollte der DFB aber nicht tun, Kritik muss er sich gefallen lassen. Es gilt, zu differenzieren. "Sieg heil" geht gar nicht. "Scheiß-DFB" schon eher. Weil er die Fans seiner Vereine auf fragliche Art bestraft (jetzt eigentlich auch sich selbst?). Weil er nur so tut, als würde er seinen WM-Skandal aufklären. Weil er den Amateurfußball hintergeht. Und wer Länderspieltickets will, sollte für 30 Euro im Jahr dem Fan-Club Nationalmannschaft beitreten, Mitglieder erhalten exklusive Kontingente. Das ist Geschäftemacherei.

Der Frust ist auch deswegen so groß, weil wir eine Epoche der Hochkommerzialisierung erleben, in der Fußballer für Fantasiesummen verkauft werden. Fans drücken diesen Frust nicht immer stubenrein aus und adressieren nicht immer den Richtigen. Aber wenn sie mit ihrem "Scheiß-DFB" dazu beitragen, dass der gesamte Profifußball viele Dinge überdenkt, kann man das nur gut finden. Nazirufe und Fußballmafia-DFB-Gesänge sind zwei verschiedene Sachen.

Mats Hummels hat in einem Punkt nicht recht: "Die Leute, die rufen, dass gewisse Institutionen den Fußball kaputt machen", sagte er, "machen ihn am Ende selbst kaputt." Nein, das erledigen andere. Und auch Oliver Bierhoff muss man widersprechen: Wer gegen den DFB sei, sagte der DFB-Manager, könne nicht für die Nationalmannschaft sein. Doch, das geht, mit guten Argumenten sogar.