Mit dem Beginn des Bartwuchses hört es meist auf. Wer bis dahin nicht durchblicken lässt, dass er mal ein richtig guter Sportler werden könnte, fällt durchs Raster, in fast allen Sportarten. Spätestens mit Anfang zwanzig. Es sei denn, man ist Volleyballer und heißt Michael Andrei.

Der verkörpert nämlich so ziemlich das Gegenteil dieser Philosophie. Lange Zeit durchstreifte der Mittelblocker die unteren Spielklassen, spielte in Luxemburg oder der zweiten französischen Liga. Doch er arbeitete sich voran, bis sogar der vorherige Bundestrainer Vital Heynen auf ihn aufmerksam wurde. Mit 27 steigt Andrei in die erste französische Liga auf, mit 28 trägt er das erste Mal die deutschen Farben. Oft ist er nur Reservist. Wie 2014, als die deutsche Mannschaft WM-Bronze gewinnt.

Nun aber, drei später, ist Michael Andrei Stammspieler  – und feiert den größten Erfolg seiner Karriere. Deutschland wird Vize-Europameister. Das ist genauso sensationell wie seine eigene Geschichte. Fast hätte es sogar für Gold gereicht. Erst im Tiebreak, im fünften Satz also, unterlag die deutsche Mannschaft den als übermächtig geltenden Russen. Zuvor räumte das Nationalteam die ebenso favorisierten Italiener und Serben aus dem Weg – ebenfalls im Tiebreak.

Strammer Terminplan, wenige Pausen

Noch vor zehn Tagen hätte das niemand für möglich gehalten. Das Volleyball-Land befand sich am sportlichen Tiefpunkt. Nachdem viele alte Kräfte abgesagt hatten, zermürbt vom Turniermarathon der internationalen Verbände und der mauen Entlohnung im Nationaldress, hatte die Nationalmannschaft krachend die Qualifikation zur WM 2018 verpasst.

Andrei kennt das Phänomen. Viele seiner Teamkollegen – im Club wie auch der Nationalmannschaft – entstammen Förderzentren und Talentschmieden. Schon in jungen Jahren unterliegen sie einem strammen Terminplan und haben wenige Pausen. Die Dauerbelastung zehrt an der Substanz. "Ich will die Talentschulen gar nicht kritisieren, sie leisten sehr gute Arbeit. Aber ich habe schon Spieler gesehen, die mit 26, 27 Jahren überspielt waren. Es gibt nicht wenige, die dann auch vom Profitum satt sind und mental nicht mehr die Energie spüren."

Konstruktiv aggressiver Spielstil

Von mangelnder Energie kann beim Dürener Andrei keine Rede sein. Dabei spielt er auf der kräftezehrendsten Position überhaupt im Volleyball. Als Mittelblocker ist seine Aufgabe nämlich vor allem eine: schneller sein als alle anderen. Jeder Ballwechsel ist ein Sprint mit mehrfachen Richtungswechseln, um am Ende die Schläge der gegnerischen Angreifer abzublocken. Bei der EM in Polen spielt er das Turnier seines Lebens.

"Ich spüre immer noch dieses Feuer in mir. Das ist der Vorteil daran, dass ich erst relativ spät in den Profibereich gekommen bin. Ich habe immer noch super viel Spaß am Sport", sagt Andrei. Diese Einstellung ist wohl auch dem neuen Bundestrainer Giani aufgefallen. Der italienische Coach baut viel auf positive Mentalität, die wichtig ist für den konstruktiv aggressiven Spielstil, der ihm vorschwebt. Andrei profitiert damit von seinem unkonventionellen Werdegang.