Für die Green Bay Packers ist der vergangene Sonntag nicht gut gelaufen. Die Niederlage bei den Minnsesota Vikings war schon die zweite in dieser Saison. Als noch schlimmer aber stellte sich die Verletzung des Quarterbacks Aaron Rodgers heraus. Der Superstar brach sich das Schlüsselbein, die Saison ist für ihn gelaufen und der Verein kann sie eigentlich auch vergessen. Ohne einen guten Quarterback ist in der NFL nichts zu holen, entsprechend hysterisch ist die Gemengelage im footballverrückten Green Bay: Was tun? Wer springt für den heiligen Aaron ein? Wo in aller Welt soll plötzlich mitten in der Saison adäquater Ersatz herkommen?

Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand. Schließlich ist seit Monaten ein vertragsloser Spieler auf dem Markt, der seine Klasse längst nachgewiesen und zufälligerweise sogar in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin geboren wurde. Colin Kaepernick, 29 Jahre alt, der schon zwei NFL-Rekorde aufgestellt hat, wäre die perfekte Besetzung, da sind sich die unzähligen Experten und Analysten ausnahmsweise mal einig. Dumm nur, das Kaepernick in der NFL einfach nicht mehr zu vermitteln ist.

Vor gut einem Jahr ging der damalige Quarterback der San Francisco 49ers bei der Intonation der Nationalhymne auf die Knie, statt wie üblich mit der Hand auf dem Herz stehenzubleiben und mitzusingen. Er wollte damit ein Zeichen gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse und die ungerechte Behandlung von Minderheiten in den Vereinigten Staaten setzen – und löste einen gewaltigen Eklat aus, in den sich längst auch Präsident Donald Trump eingemischt hat. Selbstredend über sein bevorzugtes Lieblingsmedium, den Kurznachrichtendienst Twitter. Tenor: Solche "Hurensöhne" wie Kaepernick gehörten fristlos gefeuert. "Wäre das nicht großartig?", fragte Trump.

Kaepernick? No way!

Offenbar sieht das nicht nur der US-Präsident so. Vor den Green Bay Packers hätte bereits ein halbes Dutzend anderer Clubs zugreifen können, die allesamt deutlich schlechtere Quarterbacks beschäftigen. Aber einen unpatriotischen Quertreiber wie Kaepernick will offenbar niemand in seinem Kader haben. Der Coach der Green Bay Packers etwa reagierte reichlich ungehalten, als er von Reportern auf die Personalie angesprochen wurde. Er werde es jetzt eben mit seinem zweiten und dritten Spielmacher versuchen, blaffte Mike McCarthy, aber Colin Kaepernick? No way!

Kaepernick ist derzeit der amerikanische Sportler, der am meisten polarisiert. Obwohl er sich aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückgezogen hat und keine Interviews gibt. Er möchte, so heißt es, dass nicht über ihn gesprochen wird, sondern über die Sache. Das funktioniert nur so halb. So gut wie jeder US-Amerikaner hat eine Meindung zu Kaepernick. Für die einen ist er ein Held. "Er ist der Muhammad Ali dieser Generation", sagte der bekannte Bürgerrechtler Harry Edwards. Für andere ist er ein Verräter.

Rassismus von Weißen und Schwarzen

Kaepernicks Lebensgeschichte ist ein Sinnbild für viele afroamerikanische Sportler, die sich aus schwierigen Verhältnissen an die Spitze ihres Sports hochgearbeitet haben. Er war erst ein paar Monate alt, als er von seiner alleinerziehenden, 19 Jahre jungen Mutter zur Adoption freigegeben wurde, weil sie nicht für ihn sorgen konnte. Die Familie Kaepernick, ein weißes Ehepaar, das zuvor zwei Söhne verloren hatte, adoptierte den Säugling und zog ihn als jüngstes von drei Kindern groß. 

Kaepernick wurde im liberalen Kalifornien sozialisiert, und das prägt ihn bis heute. Ehemalige Teamkollegen der San Francisco 49ers beschreiben ihn als weltoffenen, kreativen und selbstlosen Menschen, dessen auffälligstes Merkmal seine Frisur ist: Kaepernick trägt einen überdimensionalen Afro. Wegbegleiter beschreiben, dass Kaepernick sich schon im College viele Gedanken über seine Herkunft und Identität machte. Weil er Rassismus von Weißen gespürt habe, weil er schwarz war. Und von Schwarzen, weil er in einer weißen Familie aufwuchs.