Sebastian Rudy sprach, als müsste er einer Therapiesitzung beiwohnen und den Status quo seines FC Bayern rechtfertigen. So leise und bedächtig kamen nach dem Spiel die Worte aus seinem Mund. Dabei schilderte er Erfreuliches. Wenige Dinge machen einem Fußballer mehr Spaß, als einen Schuss in den Winkel zu platzieren. Rudy gelang das gegen Nordirland aus 30 Metern. "Hab einfach drauf gehalten", flüsterte er. Andere zirkeln solche Bälle so, dass Mathematiker ihre Freude an der Kurvendiskussion haben. Rudy aber temperierte den Ball mit exakt so viel Tempo, dass er wie am Lineal entlanggezogen seinen Weg ins Tor fand. Da waren gerade mal 80 Sekunden im Spiel gegen Nordirland gespielt und Deutschlands WM-Qualifikation war damit sehr bald an diesem Abend klar.

Zweifel hatte ohnehin fast keiner, nicht mal wir Nörgler. Einfach und schnörkellos brachte die DFB-Elf das Spiel hinter sich. Einen Punkt brauchte sie noch – die beiden letzten Gegner hießen Nordirland am Donnerstag und Aserbaidschan am kommenden Sonntag. Es gelang gleich gegen Nordirland. Deutschland gewann 3:1.

Beide Mannschaften hatten in acht Spielen nur zwei Gegentore kassiert, die Nordiren beide gegen Deutschland. Und zum dritten Mal innerhalb von fünfzehn Monaten traf man sich. In Belfast sangen hier und da einige das Liedgut des jeweils anderen. Bei der EM in Frankreich gelang den Deutschen noch ein knapper 1:0-Sieg, im Hinspiel der WM-Qualifikation hieß es im Oktober 2016 dann 2:0 und nun kam halt noch ein Tor hinzu.

Manche Niederlagen schmerzen nicht

Na und?, denken sich die Nordiren. Manche Niederlagen schmerzen einfach nicht, die gegen den Weltmeister schon gar nicht. Die Nordiren wachen heute stolz auf. Nicht nur, weil sie seit Donnerstag auch als Gruppenzweiter feststehen und in die WM-Playoffs gehen werden: Sie waren auch gegen Deutschland ein tapferer Gegner. Ihre unangenehme Taktik gaben sie selbst nach dem 0:2 nicht auf. Sie lockten die Deutschen vor ihr Tor. Denn wenn sie etwas können, dann ist es Verteidigen. Die beiden Türsteher aus der Innenverteidigung, Gareth McAuley und Jonny Evans, spielen auch zusammen bei West Bromwich Albion in der englischen Premier League. Auch dort sind sie eigentlich immer der Underdog und erwarten stoisch gelassen die Weltstars aus Manchester und Chelsea.

Mats Hummels gab nach dem Spiel zu, dass sie in der ein oder anderen Szene den Nordiren damit auf den Leim gegangen seien. Denn waren die Deutschen mal wieder weit aufgerückt, dirigierte Kapitän Steven Davies die Konter. Er verdient seine Brötchen beim FC Southampton und hat ein feines Auge für Seitenwechsel und Balleroberungen. Er ist wohl der Einzige, dem man etwas wie internationales Format unterstellen kann. So gelangten die Nordiren immerhin dreimal bis zu Marc-André ter Stegen. Einmal hielt er einen Schuss von Josh Magennis, einmal schoss Conor Washington an die Latte und der dritte und letzte Versuch saß dann: In der 93. Minute wurden die Nordiren mit einem Tor belohnt. Magennis traf. 

Es war auch ein Geschenk an die Zuschauer, wenn man die anschließenden Jubelszenen im Stadion richtig deutet. Man muss die Nordiren einfach lieben. Als Rudy sehr früh traf, stockte der Gesang zwar kurz. Doch anschließend hätte die Chartshow den Themenabend Fußball aufzeichnen können: Die Nordiren modifizierten erst You are my Sunshine von Johny Cash zu You are my Davies, my Steven Davies (ihrem Kapitän), dann Spirit in the Sky von Norman Greenbaum für ihre Legende George Best und zwischendurch gab es Häme für die stummen Deutschen: "Can you hear the germans sing? No-Ho! No-Ho!" Als Sandro Wagner mit einer Drehung den 37-jährigen Gareth McAuley auswackelte, und der Ball zum zweiten Mal an diesem Abend im Winkel einschlug, stimmten alle an: "We're gonna win Three-two-ho! Three-two-ho! We're gonna win Three-two-hp! Threetwo-ho!" Sie nehmen sich einfach selbst nicht so ernst und solche Menschen mag man ja meistens.

Sie hatten auch ein feines Gespür dafür, wann Hits totgespielt sind, und ließen Will Grigg’s on fire, den Sommerhit von 2016, weg, während die deutschen Fans noch immer "Nanananana-Nanana-Nana" grölten.

Man wünschte sich eigentlich nichts weniger, als dass sich dieser Schlag Briten, deren im Ulster-Dialekt verkürzter Eigenname "Norn Iron" viele Rückschlüsse auf die genuschelt gesprochene Sprache zulässt, auch für die WM qualifiziert.