ZEIT ONLINE: Herr Vogt, was haben Sie und Ihr Verein FC Playfair genau vor?

Claus Vogt: Wir hatten die Idee, rund um den Fußball die Sinnfrage zu stellen. Wir fragten uns, wem er eigentlich gehört? Denen, die ihn organisieren, also den Verbänden Fifa, Uefa, DFL, DFB oder denen, die ihn praktizieren, den Vereinen und Spielern? Oder vielleicht sogar den Fans, die mit ihrer Hingabe und Treue den Zuschauersport Fußball erst groß gemacht haben? Natürlich kann man die Frage nicht eindeutig beantworten. Fest steht aber eines: Die Fans sind diejenigen, die in allen Entscheidungen im Fußball nur wenig bis gar nicht gefragt werden. Bei uns geht es stets darum, die Rolle der Fans und somit der Menschen, die den Fußball lieben, in den Vordergrund zu stellen. Wir tun das, in dem wir behaupten: Was Fans hervorbringen, ist Kultur in bestem Sinne. Und somit wertvoll und schützenswert. Darum reichen wir die Fußball-Fankultur als immaterielles Weltkulturerbe bei der Unesco ein.

ZEIT ONLINE: Zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit gehören zum Beispiel der Tango oder Klöppeln in Kroatien. Wie passt die Fankultur da rein?

Vogt: Grob verkürzt geht es beim immateriellen Kulturerbe um Traditionen und Ausdrucksformen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. In den Kriterien steht auch, dass ein Gefühl von Identität und Kontinuität vermittelt werden sollte. All das erfüllt die Fankultur – und alle anderen Merkmale auch. Was Fankultur hervorbringt, ist übrigens überaus kreativ. Das sei betont, weil Sie Tango und Klöppeln anführen.

ZEIT ONLINE: Welche Kriterien müssen Sie noch erfüllen?

Vogt: Es muss eine weitreichende Beteiligung möglich sein. Angesichts der Popularität des Fußballs passt das hervorragend. Außerdem muss die Kulturform wie gesagt bereits über mehrere Generationen weitergegeben worden sein. Auch dieser Punkt ist erfüllt, weil man Fankultur bereits seit 100 Jahren nachweisen kann.  

ZEIT ONLINE: Ihr Antrag fällt in eine Epoche der Entfremdung der Fans vom Profifußball. Gibt es auch Aspekte ihrer Kultur, die Sie nicht als schützenswert erachten? Die Schlägerei unter Hooligans wird die Unesco jetzt sicher nicht überzeugen.

Vogt: Es gibt natürlich verschiedene Arten von Fans, klar. Für uns hört Fankultur dort auf, wo sie gegen Gesetze verstößt, wo andere Schaden nehmen. Auch das ist ein Punkt unserer Bewerbung. Es geht um die Feststellung, was dazu gehört – und was nicht. Hier ist unsere Haltung eindeutig: Zur Fankultur gehören Vielfalt und Toleranz.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Vogt: Unsere Bewerbung ist der Startschuss. Wir wollen die Fankultur weit oben auf die Vorschlagslisten der Länder, beim Bund und schließlich bei der Unesco setzen. Das wird gewiss mehrere Jahre dauern. Im Fußball würde man sagen: Wir denken von Spiel zu Spiel. Also geht es uns im ersten Schritt darum, die Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen von der Bewerbung zu überzeugen. Für diesen ersten Schritt stehen die Chancen sehr gut.

ZEIT ONLINE: Es gibt bei der Unesco auch eine Rote Liste des gefährdeten Welterbes. Für wie hoch halten Sie die Gefahr, dass die Fankultur dort mal landen könnte? Wie bedroht ist die Fankultur?

Vogt: Ich hoffe, das die Fankultur dort nie landet. Dann wäre schon ziemlich viel schiefgelaufen und es hätten sich Bewegungen und Tendenzen durchgesetzt, die wir kritisieren. Wir bekommen sehr viel Zuspruch aus England, Spanien, Italien und Frankreich, die unsere Sorgen angesichts der Überkommerzialisierung des Fußballs teilen. Ich sehe den Beginn einer breiten europäische Bewegung, die sich dagegenstellt.