Barças aktuelle Führung um Präsident Josep Maria Bartomeu dreht bewusst Pirouetten im diplomatischen Mittelfeld. Zwar schloss sich der Club im Mai einem Referendum zur Unterstützung der Durchführung der Wahl an. Der Club tat das aber in Absprache mit anderen Institutionen und Sportclubs, ohne inhaltlich zu werden. "Wir unterstützen nicht, ob man mit Ja oder Nein wählt, wir sind nicht parteiisch", sagt Clubsprecher Josep Vives. "Der Club ist kein politischer Akteur." Im Camp Nou sind hingegen bei wichtigen Spielen immer wieder Banner mit eindeutigen Aufschriften zu sehen: "Willkommen in der Republik Katalonien" oder "Das ist Katalonien, ein eigenständiger Staat". Der Club, der sich unpolitisch gibt, geht gegen diese politische Aussagen nicht vor. Vives sagt dazu: "Das Camp Nou ist immer ein freier Ort. Wir wollen aber, dass sich die Anhänger mit Respekt äußern."

Als das Olympische Komitee Kataloniens aber Clubs und Verbände dazu aufforderte, Räume oder Gelände am Wahltag zur Verfügung stellen, ging das dem FC Barcelona zu weit. Er lehnte ab. Die Begründung: Niemand hätte konkret gefragt, wann genau was benötigt wird.

Es scheint, als würde sich der FC Barcelona in der Gegenwart um eine eindeutige Antwort herumlavieren wollen. Das war nicht immer so. Als die Diktatur in den siebziger Jahren zu wackeln begann, war das Camp Nou Zufluchtsort. Die öffentlich verpönte katalanische Sprache ging in der großen Gruppe leichter von der Zunge, Probleme durch die Staatsmacht waren nicht zu befürchten. Immer mehr trauten sich das Schwenken der Senyera, Kataloniens Flagge, obwohl die als Symbol auch nach Francos Tod offiziell noch verboten war. Auf der anderen Seite gab es in Barças Geschichte auch immer der Diktatur zugewandte Spieler und Funktionäre. Paulino Alcántara etwa, viele Jahre Barças Rekordtorschütze, ehe Lionel Messi es wurde, war ein glühender Franquist, der während des Bürgerkrieges auf der Seite des Militärs kämpfte. Auch Narcís de Carreras, der Präsident, der in den Sechzigern den bis heute gültigen Spruch "més que un club" ("Mehr als ein Club") prägte, galt stets als linientreu zur Diktatur.

Nur ist der FC Barcelona mittlerweile ein globales Unternehmen mit Sponsoren aus allen Himmelsrichtungen der Erde. Das Wirtschaftsmagazin Forbes führt den Club als zweitwertvollsten aller Fußballvereine. So eine Weltmarke kann es sich nicht erlauben, über einen regionalen Konflikt zu stolpern. Offenbar fürchtet der Club um Anhänger und Sponsoren, wenn er sich politisch positionieren würde. Es ist ein bekanntes Phänomen im kommerzialisierten Sport.

Allerdings gibt es die eigene Basis in Katalonien. Um die zu befrieden, muss der Club einen Spagat vollführen. So gibt die Führung regelmäßig inhaltlich leere Statements von sich, die viel Deutungsspielraum lassen und die Anhänger beider Lager, Ja oder Nein, für sich auslegen können. Im September etwa veröffentliche Barça eine Art Kommuniqué, das sich gegen die Haltung der Madrider Regierung wendet, welche die Abstimmung untersagt hatte: "Unserer Geschichte treu bleibend, distanzieren wir uns von jeder Aktion gegen die Demokratie, das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht, zu entscheiden", heißt es da.

Spitzt sich der Konflikt weiter zu, wird es für den Club immer heikler. Wird Katalonien tatsächlich unabhängig, hat Javier Tebas, der Boss der spanischen Fußballliga, bereits angekündigt, Kataloniens Vereine nicht für die Primera División und die Liga darunter zulassen zu wollen. Barça würde nur die Teilnahme an einer katalanischen Liga bleiben. Derzeit spielen aus Katalonien neben Barça nur der Lokalrivale Espanyol Barcelona und der FC Girona in der ersten spanischen Liga. Dazu kommen noch zwei Zweitligisten, der Rest sind halb professionelle Vereine. Sportlich hätte Barça keinerlei Konkurrenz, dazu würden die prestigeträchtigen Duelle mit Real Madrid entfallen. Der Clásico, wie das Spiel genannt wird, ist das weltweit meistgesehene nationale Fußballspiel. 

Dem Club drohen Einbußen, trotz der vielen Sponsoren aus dem Ausland. Auch dürfte es durch die dann unattraktive Katalonien-Liga schwer fallen, neue Spieler zum FC Barcelona zu lotsen. Ihnen bliebe nur noch die Champions League als große Bühne. Längst ist der Konflikt schon jetzt zum Problem für den Club geworden: Einer der Gründe, warum Lionel Messi seinen in kommenden Sommer auslaufenden Vertrag immer noch nicht verlängert hat, soll die politisch ungewisse Zukunft Barças sein. Angeblich prüft der Vorstand bereits andere Optionen zur Aufnahme des FC Barcelona durch eine andere Liga, etwa der französischen Ligue 1. Nur dürfte die Umsetzung schwierig werden, ein solches Szenario als nicht sehr wahrscheinlich. Dass eine Abspaltung Kataloniens von Spanien dem FC Barcelona viel mehr schaden als nutzen würde, ist allen Beteiligten bewusst. Nur öffentlich sagen wollen sie es nicht.