Die deutsche Elf wird sich am Donnerstag gegen Nordirland wohl für die WM 2018 in Russland qualifizieren. Da ist es an der Zeit, endlich klarzustellen, wer sie vor drei Jahren in der Verlängerung gegen Lionel Messis Argentinien zum Weltmeister machte. Klar gehört die Heldenrolle Mario Götze, der schwebend das Siegtor schoss, wohl das schönste, das je in einem WM-Finale erzielt wurde. Natürlich auch Joachim Löw, der Götze kurz zuvor eingewechselt und ihm Entscheidendes ins Ohr geflüstert hatte.

"Zeig der Welt, dass du besser als Messi bist!" Diesen Satz, der in die deutsche Fußballgeschichte eingegangen ist, hatte Löw seinem Spieler an der Seitenlinie mit auf den Weg gegeben. Er erzählte diese Begebenheit den staunenden Journalisten nach dem Spiel, es war ein selten konkreter Einblick in das Tun eines Trainers. "Der Satz fiel mir spontan ein", sagte Löw später.

Doch das Urheberrecht auf diesen Satz und das siegbringende, spezielle Götze-Coaching kann ein anderer für sich beanspruchen: Peter Hyballa, den Fußballnerds als ehemaliger Trainer von Alemannia Aachen und Sturm Graz bekannt.

So steht es zumindest in One touch, einem Lehrbuch für moderne Persönlichkeitsentwicklung und Teamführung. Geschrieben haben es Karin Helle und Claus-Peter Niem, zwei Pädagogen, die in Dortmund die Agentur Coaching for Coaches betreiben und Führungskräfte, aber auch Spitzenfußballtrainer schulen, beraten, trainieren. Zu ihrem Netzwerk zählen Jürgen Klinsmann, Stefan Kuntz und Hansi Flick, aber auch Hyballa und Löw.

"Habt ihr Kontakt zu Jogi?"

In One touch bringen Helle und Niem mit kurzen, abwechslungsreichen Essays, Übungen und Fragebögen Führungskräften bei, was sie von Fußballtrainern lernen können. Das Buch ist gespickt mit Anekdoten aus dem Fußball. Es endet mit der Schilderung eines Telefonats am 12. Juli 2014 um 19.09 Uhr, also am Abend vor dem Endspiel. Niems Handy klingelte, Hyballa war am Apparat. "Habt Ihr Kontakt zu Jogi?" Er hatte Kontakt zu Jogi.

Hyballa hatte einen Rat für Löw aus eigener Erfahrung. Hyballa hatte Götze in der Jugend von Borussia Dortmund trainiert. "Er kannte ihn durch und durch", schreiben die Autoren, "und konnte ihn 'lesen'." Hyballa erzählte, wie er im November 2008 mit der A-Jugend der Borussia in Bochum gespielt hatte. Götze habe zuvor lasch trainiert. "In solchen Situationen musst du den richtigen Knopf drücken." Daher habe er Götze eine Halbzeit lang auf der Bank gelassen und ihm in der Pause provozierend gesagt: "Jetzt zeig mal allen, dass du das Wunderkind bist!" Nach seiner Einwechslung drehte der damals 16-jährige Götze das Spiel, Dortmund gewann 4:3.

"Genau das sollten wir an Jogi weitergeben – so Hyballa", schreiben Keller und Niem. "Gesagt, getan!" Daraufhin schickte Niem aus dem nordhessischen Reinhardshausen, wo er gerade seine Eltern besuchte, eine SMS nach Rio: "Wenn du Götze in einer engen Situation noch von der Bank bringen kannst (er dort schon länger schmoren musste), wird ihn genau das anstacheln, endlich an seine Grenzen bringen. War schon in der Jugend so. Wenn du ihn dann noch anstachelst: 'Zeig der Welt endlich einmal, dass du besser als Messi bist, dass du das Wunderkind bist!', wird er den Unterschied machen. Er braucht diesen Druck." Absender: "die Weggefährten".

Dann wechselte Löw Götze ein und sagte die inzwischen geflügelten Worte. Und dann kam die 113. Minute.

Claus-Peter Niem & Karin Helle: "One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können." Campus Verlag, 2016. 19,95 €.