Scherze über Anne Frank – Seite 1

Fußballspiele im Stadion sind selten eine Zeit der Stille. Am hibbeligsten sind Spieler und Publikum vor dem Anpfiff, wenn keiner mehr abwarten möchte. Doch am Mittwochabend wurde es in Bologna vor dem Spiel gegen Lazio Rom sehr still. Die Kapitäne von Bologna und von Lazio Rom lasen etwas vor. Sie zitierten aus dem Tagebuch von Anne Frank, das wie kaum ein anderes Werk die Gräueltaten der Nationalsozialisten beschreibt. Anschließend harrte das Stadion für eine Schweigeminute aus. Lazios Spieler wärmten sich vorher schon mit T-Shirts auf, die das Gesicht von Anne Frank und den Satz "Nein zum Antisemitismus" zeigten.

Auch in den anderen Stadien der Serie A eröffneten die Kapitäne die Spiele mit einer Anne-Frank-Lesung. Der italienische Verband hatte in Abstimmung mit dem Sportministerium und der jüdischen Gemeinde die Zeremonie in allen Stadien bis hinunter in den Amateur- und Jugendbereich angeordnet, um den Opfern des Holocausts zu gedenken.

Antisemitismus auf den Rängen

Doch diejenigen, die am dringendsten eine Geschichtsstunde gebraucht hätten, blieben dem Spiel in Bologna größtenteils aus Protest fern. Die wenigen Mitglieder der Irriducibili (deutsch: die Unbeugsamen), die für ihre faschistische Gesinnung bekannte und für ihre Gewaltbereitschaft in ganz Europa gefürchtete Ultragruppierung von Lazio Rom, die doch ihren Weg in das Stadio Renato Dall’Ara gefunden hatten, stimmten aus Trotz faschistische Gesänge an, während sie ihren rechten Arm emporstreckten. Zuvor schrieben sie noch in einer Mittelung, dass man sie im Medientheater der letzten Stunden nur flasch verstanden habe. Falsch zu verstehen war aber schon da nichts.

Anne Frank ist im Alter von nur 15 Jahren kurz vor Kriegsende gestorben, doch ihre Erlebnisse und Gedanken leben wie selbst als Symbolfigur gegen Unmenschlichkeit und Völkermord weiter. Auch am vergangenen Sonntag diente sie im römischen Olympiastadion als Symbol. Allerdings nicht, um ein Zeichen gegen Genozid oder Faschismus zu setzen, sondern um ihren Erzrivalen zu verspotten. Die Ultras von Lazio beklebten beim 3:0-Sieg über Cagliari Calcio die Ränge der Curva Sud mit hunderten Fotomontagen, die Anne Frank im gelb-roten Trikot von Stadtrivale AS Rom zeigen. Neben dem Bild des jüdischen Mädchens prangten Sticker mit eindeutig antisemitischen und auch homophoben Botschaften. "Romanista ebreo" zum Beispiel, was übersetzt so viel bedeutet wie "jüdischer Roma-Fan".

Die Ultras von Lazio nutzten eine für sie einmalige Gelegenheit. Traditionell ist eigentlich die Nordkurve des römischen Olympiastadions ihr Revier, weil aber der italienische Fußballverband diese wegen rassistischer Sprechchöre für zwei Spiele sperrte, sorgte der Club im Vorfeld der Partie für ein großzügiges Angebot: Zum Schnäppchenpreis von nur einem Euro durften die eigentlich ausgeschlossenen Dauerkarteninhaber Tickets für die Südkurve erwerben. Dort finden sich bei Heimspielen des AS Rom die treuesten Anhänger des verhassten Lazio-Rivalen ein, der 1927 auch unter Einfluss des Juden Renato Sacerdoti gegründet wurde. 

Ausgerechnet der Anführer will nichts gewusst haben

Es war eine organisierte und bestens durchdachte Aktion. Die Lazio-Ultras wollten maximale Empörung und die bekamen sie mit eindeutig antisemitischen Botschaften, und das auch noch auf "feindlichem" Territorium in der Kurve des Erzrivalen. Ziel erreicht, man spricht nicht nur in Italien wieder über sie.

Anführer der Irriducibili ist Fabrizio Piscitelli, in der Szene kennt man ihn unter seinem Spitznamen "Diabolik". So heißt auch eine bekannte italienische Comicfigur, deren Name vom lateinischen "Diabolus" (Teufel) abgeleitet wurde. Er ist ein Antiheld, Vertreter des Bösen und der kriminellen Unterwelt. Das gilt auch für den "Diabolik" der Irriducibili Lazio: Unter seiner Gefolgschaft sind viele stadtbekannte Kriminelle und Drogendealer, die unter dem Deckmantel des Fußballs seit Jahrzehnten rechte Ideologien in italienischen Stadien verbreiten.

Von der Aktion will aber ausgerechnet Piscitelli nichts gewusst haben, wie er gegenüber der italienischen Zeitung "La Repubblica" behauptete. Zwar sei es üblich, dass man in der Kurve des Feindes ein "Markenzeichen" hinterlässt. Allerdings habe der Plan etwas anderes vorgesehen und er sei verärgert über diejenigen, die über seinen Kopf hinweg "solch einen Blödsinn" hinterlassen haben. Man werde sich nun intern darum kümmern, der mediale Aufschrei sei jedoch völlig übertrieben, weil echte Skandale anders aussähen. Darüber hinaus habe Piscitelli auch jüdische Freunde: Lazio-Fans, die mit ihm Witze über solch eine Sache machen, weil sie wissen, dass es sich einfach um kleine Provokationen unter Fans handelt.

Welche Rolle spielt Lazios Präsident?

Mit dieser Meinung steht der Anführer der Ultras jedoch allein da. Der italienische EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani sagte am Dienstag in Straßburg: "Ich komme nicht umhin, das nachdrücklich zu verurteilen, was in Rom geschehen ist, wo eine Gruppe von Hooligans ein Bild von Anne Frank verwendet hat, um Anhänger eines anderen Sportteams zu verunglimpfen." Das Anne-Frank-Haus in Amsterdam teilte auf Nachfrage der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mit, dass man "schockiert über diesen Ausdruck von Antisemitismus" sei. Ruth Dureghello, die Präsidentin der jüdischen Gemeinde in Rom, twitterte: "Raus mit den Antisemiten aus den Stadien."

Dass der Antisemitismus und die faschistischen Bekundungen in naher Zukunft deshalb aus dem Stadio Olimpico verschwinden, ist jedoch nicht mehr als ein frommer Wunsch. Die Tickets sind für jedes Serie-A-Spiel personalisiert, an den Eingängen wird aufwändig kontrolliert und die Polizei observiert manche Ultras durchgehend. Genutzt hat es wenig. Den Verantwortlichen in Italiens Fußballgremien bleibt als Antwort auf faschistische Bekundungen lediglich das gleiche Instrument, das auch die Ultras nutzen: Symbolik. Sie wollen den rechten Fans zeigen, dass sie die Außenseiter im eigenen Stadion sind und nicht religiöse oder ethnische Minderheiten.

Wie ernst meint es der Präsident?

Lazio-Präsident Claudio Lotito besuchte am Dienstag demonstrativ eine Synagoge und legte einen Kranz nieder. Einen Tag später wurden die Blumen im Tiber gefunden, Unbekannte hatten sie entwendet. Lotito will nun jährlich mit 200 jugendlichen Fans Auschwitz besuchen, denn es müsse sichergestellt werden, dass "bestimmte Kapitel nicht vergessen werden. Damit sie kapieren, worum es hier eigentlich geht", sagte er.

Obwohl Lotito ein alles andere als gutes Verhältnis zu den Irriducibili genießt und schon Morddrohungen der eigenen Ultras ausgesetzt war, wirken seine Bemühungen für viele scheinheilig. Laut der römischen Zeitung Il Messaggero soll der Reinigungsunternehmer seinen Besuch eine "notwendige Inszenierung" genannt haben. Und schon in seinen Anfangsjahren als Lazio-Präsident hat Lotito seinen Stürmer Paolo Di Canio immer wieder aus der öffentlichen Schusslinie genommen. Der bei den Ultras beliebte Di Canio war als Jugendlicher selbst ein Irriducibile und nie darum verlegen, sich auch als Profi mit den Ultras und deren Gedankengut offen zu solidarisieren.

Der rechte Arm

Auf dem Arm hat der ehemalige Lazio-Kapitän di Canio sich das lateinische Wort Dux tätowiert, übersetzt bedeutet es "Führer". Damit war niemand geringerer als Italiens ehemaliger Diktator und Hitler-Verbündeter Benito Mussolini gemeint. Nicht wenige Tore bejubelte Di Canio mit der eindeutigen Pose des ausgestreckten rechten Arms, etwa als er im Januar 2005 im Stadtderby gegen den AS Rom traf. 

Sowohl Di Canio als auch Lotito dementierten damals, dass es sich um einen Hitler-Gruß gehandelt habe. In Begleitung seines Präsidenten hob Di Canio in der anschließenden Pressekonferenz abermals seinen rechten Arm und fügte an: "Der Gruß kommt aus dem alten Rom. Und auf das alte Rom bin ich stolz."